Wanderung im Bad Wutzacher Ried

Baden-Württemberg: Bad Wurzacher Ried

„Macht Euch die Erde untertan“, dieser biblische Auftrag konnte im Wurzacher Ried nicht verwirklicht werden. Gott sei Dank, möchte man heute fast sagen! Alle Entwässerungsversuche seit 1850 sind fehlgeschlagen. Torf konnte nur teil- und zeitweise abgebaut werden. Die Abbaugebiete werden wieder aufgestaut.

Erst kam die Entwässerung, dann die Renaturierung. In diesem Artikel erfahren Sie, wie Europas größte zusammenhängende Moorfläche wieder vollkommen der Natur übergeben wird.

Führung durch das Bad Wurzacher Ried

Diplombiologe Franz Renner nimmt mich auf eine kurzweilige und interessante Führung durch das Wurzacher Ried mit. Wir gehen zunächst durch den Kurpark von Bad Wurzach. Unmerklich geht der hübsch angelegte Park  in die Wildnis des Bad Wurzacher Rieds über. Das Ried ist im Herbst am schönsten. Der Weg führt an verwildertem Hartriegel (Cornus sibirica) vorbei. Die entlaubten Zweige leuchten karminrot aus dem grauen Gebüsch. Entlang des Pfades ist ein Entwässerungsgraben. Uns begleiten Moorbirken;  ihre goldgelben  Herbstblätter funkeln im Gegenlicht.

Bad Wurzach ist erstes Moorheilbad Baden-Württembergs und seit 1950 staatlich anerkanntes Heilbad.

Bad Wurzach
Foto © Andreas Riedmiller Kneip -und Moorheilbad Bad Wurzach
Bad Wurzach
Foto © Andreas Riedmiller Bad Wurzach
Bad Wurzacher Ried
Foto © Andreas Riedmiller Am Stadtrand von Bad Wurzach beginnt der Wanderweg ins Naturschutzgebiet Wurzacher Ried
Führung mit Herrn ... durch das Bad Wurzacher Ried
Foto © Andreas Riedmiller Führung mit Herrn Franz Renner durch das Bad Wurzacher Ried
Bad Wurzacher Ried mit dem Riedsee.
Foto © Andreas Riedmiller Wanderweg in das Bad Wurzacher Ried mit dem Riedsee.
Herbstwanderung in das Bad Wurzacher Ried
Foto © Andreas Riedmiller Herbstwanderung in das Bad Wurzacher Ried
Bad Wurzacher Ried
Foto © Andreas Riedmiller Geheimnisvolles Wurzacher Ried
Bad Wurzacher Ried
Foto © Andreas Riedmiller Wasserspiegelung im Wurzacher Ried

 

Am Zusammenfluss von Unterer und Oberer Ach bleiben wir stehen. Hier fließen die beiden Flüsse zusammen und als Bad Wurzacher Ache in Richtung Schwarzes Meer. An dieser Schlüsselstelle wollte Ingenieur Häfner 1843 einen Entwässerungskanal bauen. Das „unnützige“ Moor sollte für den Menschen nutzbar gemacht werden. Aus geologischen, technischen und finanziellen Gründen war es nicht machbar. Der Graben hätte vier Meter tief und fünf Kilometer lang sein müssen. Nur so wäre genügend Gefälle entstanden, um das in der Eiszeit entstandene Becken zu entwässern. Häfner musste resignieren. Er sagte: „Das Bad Wurzacher Ried ist mit einem Fluch Gottes belastet. Die Bad Wurzacher haben großes Pech, mit so einem harten Schicksalsschlag leben zu müssen“. Torf konnte schließlich  nur in Teilflächen gewonnen werden, weil alle Entwässerungsversuche fehlgeschlagen sind.

Auf dem Weg zum Riedsee

Vorbei an braunen, mannshohen Pfeifengrasweisen kommen wir zum Riedsee. Hier sehen wir eindrucksvoll,  in welchem Maßstab Torf um 1850/60, zuerst von Hand und dann mit Maschinen, industriell abgebaut wurde. Die alten Torfstiche sind deutlich zu sehen. Die Adelsgeschlechter dieser Region: „Waldburg Wolfegg und Waldburg Zeil Wurzach“, bauten Entwässerungsgräben und legten Schienen ins Moos. Torf wurde als Brennmaterial für die anliegenden Dörfer und Kleinstädte verwendet. 1880 entstand das erste Werk, das „Zeiler Torfwerk“.

Torf wurde nach den Weltkriegen hauptsächlich als Brennmaterial gebraucht. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Brenntorf aus Bad Wurzach sogar bis nach Stuttgart transportiert. Daran erinnert der sog. „Stuttgarter See“ im Wurzacher Ried.

Für Blumenerden wurde Torf gärtnerisch verwendet. Für Kurbetriebe in Bad Wurzach und Oberschwaben war das Moor ein wichtiger Standortfaktor. Moor wurde als sog. „Badetorf“ für medizinische Zwecke und Kuranwendungen benötigt. Inzwischen wurde der Moorabbau im Wurzacher Ried ganz eingestellt und der Badetorf wird von außerhalb geholt.

Der Eingriff des Menschen lässt das Moor austrocknen

Über Entwässerungsgräben und die großen Kanäle floss mehr Wasser aus dem Moos als mit dem Regen hinzukam. Das führte zur Austrocknung des Geländes. Bodenorganismen zersetzen und mineralisieren das Substrat, wie in einem Komposthaufen. Die Trockenheit des Bodens und darin enthaltenen Nährsalze mögen Bäume und Sträucher. Sie wachsen besser und verdrängen die Moorvegetation. Das Wachstum der Bäume beschleunigt sich. Mehr und mehr Feuchtigkeit verdunstet über die Spaltöffnungen der Blätter. Es entsteht ein sich selbst verstärkender Prozess, der das Moor immer schneller und schneller austrocknet. Die Artenvielfallt und Schönheit des Moores verändert sich in wenigen Jahrzenten zu einem Hochwald.

Bei Moorabbau entstehen Treibhausgase

Bei diesem Austrocknungsprozess entstehen die Treibhausgase CO2, Methan und andere. Alle Wissenschaftler sind sich darin einig, dass diese Gase den Klimawandel beschleunigen.

Bad Wurzacher Ried
Foto © Andreas Riedmiller Franz Renner öffnet das Tor zum ehemaligen Haidgauer Torfwerk
Ehemaliges Torfwerk Haidgau von Fürst Waldburg Wolfegg.
Foto © Andreas Riedmiller Ehemaliges Torfwerk Haidgau von Fürst Waldburg Wolfegg.
Ehemaliges Torfwerk Haidgau von Fürst Waldburg Wolfegg
Foto © Andreas Riedmiller Ehemaliges Torfwerk Haidgau von Fürst Waldburg Wolfegg
Ehemaliges Torfwerk Haidgau von Fürst Waldburg Wolfegg
Foto © Andreas Riedmiller Ehemaliges Torfwerk Haidgau von Fürst Waldburg Wolfegg
Ehemaliges Torfwerk Haidgau von Fürst Waldburg Wolfegg
Foto © Andreas Riedmiller Ehemaliges Torfwerk Haidgau von Fürst Waldburg Wolfegg

 

Natur braucht Zeit – Renaturierung des Wurzacher Ried  

Diplombiologe Franz Renner ist verantwortlich für die Schutzgebietsbetreuung. Die Universität Weihenstephan begleitet die Renaturierung wissenschaftlich. Kanäle wurden ab 1995/96 geschlossen. Wasser staut sich am Riedsee und in den anderen Gebieten. Die Folge war, dass der Hochwald abgestorben ist. Weite Wasserflächen entstanden mit Baumskeletten darin. Der Anblick erinnert an Bilder der sibirischen Taiga.

Renaturierung  im Wurzacher Ried. Ausgetrockene Torstiche und Fichtenwälder werden wieder vernässt und sterben ab. Millimeterweise bildet sich die ursprüngliche vorhandene Torfschicht zurück und bindet CO2.
Foto © Andreas Riedmiller Renaturierung  im Wurzacher Ried. In ausgetrockneten Torfstichen wuchsen Fichtenwälder, diese trockenen Gebiete werden im Wurzacher Ried wieder vernässt. Die Fichtenwälder sterben danach ab und millimeterweise bildet sich die ursprüngliche vorhandene Torfschicht zurück und bindet CO2.
Exkursion in das Wurzacher Ried.
Foto © Andreas Riedmiller Exkursion in das Wurzacher Ried.
Wurzacher Ried
Foto © Andreas Riedmiller Gleise der Torfbahn imWurzacher Ried
Wurzacher Ried
Foto © Andreas Riedmiller Zitterpappeln – Popolus tremula im Wurzacher Ried

 

Franz Renner sagt: „ Ich freu mich jedes Mal wieder, wenn ich das viele Wasser sehe“. Er zeigt uns die gelungene Renaturierung genauer. „Wie die Hochmoor-Regenerierung funktioniert, ist an moorbildenden Pflanzen zu beobachten. Das geht allerdings sehr langsam. Jahr für Jahr wächst das Moor einen Millimeter, was kaum zu beobachten ist. Für die Natur ist ein Menschenleben ohnehin nur eine winzige, unbedeutende Zeitspanne. Hier sind Schwingrasen zu sehen. Pflanzeninseln, mit Sphagnum-Moos, Wollgras u.a. schwimmen im aufgestauten See wie auf einer Luftmatratze. So muss es funktionieren“, sagt Franz Renner mit Freude.

Wir gehen weiter, an einigen rostigen Maschinen vorbei. Über unseren Köpfen fliegt in  Keilformation eine Schar schnatternder Graugänse. Sicher gibt es hier und dort auch einmal Diskussionen, ob das viele Geld für diese Renaturierung auch sinnvoll angelegt ist. Moorgebiete leisten einen wirkungsvollen Hochwasserschutz. Sie sind CO2 Speicher und helfen den Klimawandel zu bremsen. Moorgebiete sind unverzichtbar für den Artenschutz. Nur hier finden sich noch vom Menschen ungestörte Lebensräume für hochspezialisierte Pflanzenarten wie den Sonnentau, Fieberklee, u.a.

Ehemalige Torfwerke als Industriedenkmal

Am Rückweg quer durchs „Ogrechte“ (ungepflegte) Gelände kommen wir an den Gebäuden des Haidgauer Torfwerk, erbaut von Waldburg Wolfegg, vorbei. Es wurde 1996 geschlossen. Seither stehen alle Räder still. Bagger und Förderbänder stehen verlassen im Gebüsch und Birken wachsen aus den Scheiben.  Eine Lokomotive wurde wieder flott gemacht und dient als Ausflugsbähnle.

Im Zeiler Torfwerk - Oberschwäbisches Torfmuseum
Foto © Andreas Riedmiller Im Zeiler Torfwerk – Oberschwäbisches Torfmuseum.
Im Zeiler Torfwerk - Oberschwäbisches Torfmuseum
Foto © Andreas Riedmiller Herbst im Zeiler Torfwerk – Oberschwäbisches Torfmuseum.

 

Am Schluss unserer Führung durch das Bad Wurzacher Ried kommen wir zum Zeiler Torfwerk. Es wurde im Jahr 1880 von Waldburg Zeil Wurzach erbaut. Lange Zeit diente das lange Holzgebäude der Aufbewahrung des Narrenbaumes, des Maibaumes und des Schneepflugs der Gemeinde. Vor zehn Jahren wurde es zum letzten Mal verwendet als Reiter-Unterkunft vor dem berühmten Blutritt in Weingarten. 80 – bis 100 Pferde mit Reitern und Reiterinnen verbrachten dort die Nacht von Donnerstag auf Freitag. In Bad Wurzach erzählt man sich heute noch Geschichten von den wilden Nächten …

Heute hat der Wurzacher Heimat- und Kulturverein das Oberschwäbische Torfmusem Bad Wurzach eingerichtet. Zu sehen ist in diesem sehenswerten Museum die ganze Sozial- und Kulturgeschichte des Torfabbaus in Bad Wurzach.

Mit dem ehemaligen Torfbähnle können Sie eine Runde durchs Moor mitfahren. Das macht riesig Spaß, vor allem für Familien mit Kindern. Es fährt langsam, ist laut, es stinkt, es ruckelt und hoppelt auf der Schmalspur durchs Moos. Oder Sie machen eine Führung mit einem Experten des Naturschutzzentrums. Da lernen Sie das Moor mit ganz neuen Augen zu betrachten und lernen viel dazu.


Bad Wurzach - Fliegenpilz
Glückspilz

Warum wir Moore unbedingt erhalten müssen:

  • Moore sind Hochwasserspeicher und dienen dem Hochwasserschutz.
  • Moore dienen der Artenvielfalt; sie sind Rückzugsgebiet für seltene Pflanzen und Tiere.
  • Moore sind Erholungsgebiete für Gäste
  • Intakte Moore sind wichtige CO2 Lagerstätten.
  • Sie dienen der Wissenschaft und Forschung.
  • Sie erhalten die Geschichte für nachfolgende Generationen lebendig.

Europa-Diplom:

Eine besondere Auszeichnung für das 700 Hektar große Wurzacher Ried ist das Europa-Diplom. Diese Auszeichnung wurde vom Europarat verliehen. Denn die Region ist von besonderer  Bedeutung für Ökologie, Wissenschaft, Kultur und Erholung.


Interessantes:

> Informationen  Naturschutzzentrum Wurzacher Ried

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