Wolfsforscher Peter Fürth zeigt einen Wolfsschädel.

Bayern: Wolf, Bär und Luchs

Es kommt der Tag, an dem jeder  junge Wolf sein Rudel verlässt. Spätestens im Alter von 1 – 2 Jahren sucht er nach einem anderen, geeigneten Lebensraum, der nicht besetzt ist und eine gute Lebensgrundlage verspricht. Eine Ausstellung im Alpseehaus des Naturpark Nagelfluhkette informiert über die großen Beutegreifer: “Wolf, Bär, Luchs”.

Peter Sürth Biologe und Wildtierforscher
Peter Sürth Biologe und Wildtierforscher
Wolfsforscher Peter Fürth zeigt einen Wolfsschädel.
Wolfsforscher Peter Sürth zeigt einen Wolfsschädel.

Der Forscher Peter Sürth studierte “Animal Management” mit Schwerpunkt Wildtiermanagement, Öffentlichkeitsarbeit und Politik. Er ist Autor vieler Artikel, eines Lern- und Erlebnisbuches zum Wolf für Kinder, Berater für Ökotourismus in Rumänien, Expeditionsleiter – und, wie sich jeder Leser jetzt bereits denken kann: Wolfsfreund.

Wölfen auf der Spur

Auf den Spuren der Wölfe in Mitteleuropa: Peter Sürth erzählt im Alpseehaus-Naturerlebniszentrum, in einem spannenden Vortrag von den Wanderbewegungen der Wölfe. Er folgt den Spuren der Wölfe seit vielen Jahren und hat die Wölfe fest im Blick. Nicht selten ist er überrascht, wie anpassungsfähig diese Tiere sind. Auf jahrelangen Expeditionen, über Berg und Tal, zu Fuß und mit dem Fahrrad, quer durch verschiedene Regionen der Karpaten und Europas, lernte er ihren Lebensraum immer besser kennen.

Einwanderer kommen

”Die Wölfe wandern aus mindesten vier Hauptrichtungen ein: einmal von Brandenburg nach Süden. Eine Wanderungsbewegung kommt aus den Karpaten. Einige Wolfrudel stehen bereits an der tschechischen Grenze und können jederzeit auch im Bayerischen Wald erscheinen. Wölfe, die aus Kroatien stammen, leben bereits in Österreich und sind sogar bis nach Landeck im Inntal vorgedrungen. Von Süden her, aus den italienischen Abruzzen, kamen die Wölfe in das Gebiet von Piemont. Von dort aus wanderten sie die letzten Jahre in die ganze Schweiz ein. In mehreren Gebieten sind sie bereits heimisch geworden.”

Neue Reviere gesucht

Das nächste Wolfsrudel vom Allgäu aus ist bei Chur. 2011 gab es in diesem Wolfsrevier Nachwuchs. Bald gehen die jungen Wölfe auf Wanderschaft und suchen ein neues Revier. Für einen Wolf sind 200 Kilometer Entfernung ein Katzensprung. Also: Allgäu und Bayern ist “Wolferwartungsland”. Niemand weiß, wann sie kommen. Aber sicher ist, dass sie kommen.

Intelligent und anpassungsfähig

Um den Lebensraum dieser Tiere besser verstehen zu können, nimmt Sürth den Blickwinkel und die Perspektive des Wolfes ein. Was muss passen, dass ein Wolfsrudel in einer Landschaft gut leben kann? Er stellt fest: Viele Gebiete im bayerischen Alpenvorland sind als Lebensraum gut geeignet. Im Allgäu ist es die Region um den Naturpark Nagelfluhkette und das Gebiet Großer Wald. Wölfe beanspruchen sehr große Reviere für sich. Im Wald ist der Wolf nach wie vor sehr scheu. Man bekommt ihn so gut wie nie zu sehen. Im Wald betrachtet er den Menschen immer noch als Feind und geht ihm weiträumig aus dem Weg.

Anders ist es in Siedlungsgebieten mit hoher Infrastrukturdichte: In Rumänien streiften Wölfe am helllichten Tag durch eine belebte Fußgängerzone. Ohne Scheu flanierten sie durch eine Stadt, auf der Suche nach Fressbarem.

Der Wolf ist ein guter Beobachter und lernt schnell. Wenn er von den Menschen nicht als Wolf erkannt wird, legt er seine angeborene Scheu ab und wandert in Wohngebieten umher. Dies belegen sehr eindrucksvolle Filmdokumente von Peter Sürth. Auf Müllkippen kann er sich leichter ernähren als im Wald bei der Jagd nach Rotwild. Das hat er schnell herausgefunden. Bisher ist noch nie einem Menschen etwas passiert.

Der Luchs ist ein “Langstreckenwanderer” auf Samtpfoten

Im vorletzten Jahrhundert wurde der Luchs in Bayern und in den Alpen komplett ausgerottet. Alle heute freilebenden Luchse stammen ab von ausgewilderten Tieren. In der Schweiz sind es  inzwischen wieder ca. 150 – 200. Viele Regionen der Alpen und des Allgäus sind idealer Lebensraum.

Rehe sind seine liebste Beute. Ein ausgewachsener Luchs braucht einmal die Woche ein Reh für seine Ernährung. Im Nationalpark Bayerischer Wald ist der Rehbestand unter Kontrolle. Warum? Weil es Luchse gibt! Der Wildverbiss hält sich seither in Grenzen. Die Naturverjüngung des Waldes funktioniert wieder.

Der streng geschützte Luchs unternimmt weite Wanderungen und hält sich nicht an die vorgegebene Nationalparkgrenze. Manchem Jagdpächter gefällt das nicht. Es gibt Konflikte, wenn der Luchs außerhalb des Nationalparks angetroffen wird. Im Frühjahr 2012 wurde ein Luchs verendet aufgefunden. Durch den Sender am Halsband konnte sein Schicksal aufgeklärt werden. Er wurde vergiftet: durch einen mit Nervengift präparierten Rehkadaver.

Junge Bären stromern gern herum

Bären haben sich mittlerweile in Österreich fest angesiedelt. Bei uns sorgte vor einigen Jahren der Bär „Bruno“  für großes Aufsehen. Auf der Suche nach Futter hat er sich in der Nähe der Siedlungen herumgetrieben. Niemand war darauf vorbereitet. Landwirte und Behörden reagierten nervös. Mancher hatte panische Angst vor ihm, ahnungslose Touristen näherten sich „Bruno“ mit der Digitalkamera bis auf wenige Meter. So wie damals am Schweizer Ofenpass geschehen, ohne zu bedenken, dass der Bär kein putziges Kuscheltierchen, sondern ein echtes Wildtier ist.  Nein, das ist zu gefährlich. Bei aller Tierliebe, – wir sollten hier kein unnötiges Risiko eingehen.

Bären lieben Honig und Fische

Bären sind keine aktiven Jäger. Bären lieben Honig und Fische. Sie fressen auch gern Obst. Deswegen halten sie sich manchmal in der Nähe von Obstplantagen oder Gärten auf. Sind die Früchte außer Reichweite ihrer Tatzen, dann kann es vorkommen, dass der ganze Baum umknickt wird, um an die schmackhaften Früchte zu kommen.

Konflikte lassen sich vermeiden

Wölfe sind Generalisten, sie kommen bestens mit unserer Kulturlandschaft zurecht.“ Um Konflikte zwischen Menschen und Wölfen zu vermeiden, untersucht Peter Sürth als „Wildtiermanager“ die Lebensräume des Wolfes bereits im Vorfeld. Und er bewertet Chancen und Gefahren.

Wolf, Bär und Luchs: Alle drei sind von Natur aus Fleischfresser. Alle drei sind auch in der Lage, Nutztiere wie Schafe oder Ziegen anzugreifen, weil sie eine sehr leichte Beute darstellen.

Dass es dabei zu Konflikten mit den Besitzern kommen kann, ist vorprogrammiert. Es kommt darauf an, wie wir Menschen damit umgehen. „Es kann gefährlich sein oder nicht:“ sagt Ing. Peter Sürth. Deswegen sollten wir vorher überlegen, wie wir uns verhalten, wenn diese Tiere wieder bei uns auftauchen. Ungeschützte Schafe und Ziegen sind auf jeden Fall in Gefahr, vor allem auf einsamen Almflächen.

Manchmal hilft schon ein Elektrozaun um Nutztiere herum, der die Beutegreifer abschreckt. In Italien/Piemont verlassen sich die Schäfer auf speziell ausgebildete Herdenschutzhunde, die den Angreifer in die Flucht schlagen können. Auf jeden Fall werden Schäden an Nutztieren von den Naturschutzbehörden bezahlt.

Zu Gast in Bayern

„Die Wölfe kommen zurück. Sie werden überall in Deutschland auftauchen, das ist zu Hundert Prozent sicher!“ sagt Wildtiermanager Peter Sürth. Es bleibt abzuwarten, ob die Neuankömmlinge ein Schicksal erwartet wie das von „Problembär Bruno“ – oder aber ob sie willkommen sind nach dem Werbeslogan, den bayerische Politiker und Touristik-Manager so gern im Munde führen: „Zu Gast in Bayern!“ und „Auf nach Bayern!

Philosoph Thomas Hobbes (1588 – 1679).

Homo homini lupus – Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Er war überzeugt, dass der Mensch von Natur aus ein Raubtier ist und nur durch einen starken Staat und strengste Gesetze daran gehindert werden kann, immer wieder aufs Neue über sich her zu fallen und sich selber zu zerfleischen. Wir wissen heute besser Bescheid über den Wolf als früher. Er zeigt ein hochinteressantes Sozialverhalten. Und wir wissen heute auch mehr über uns Menschen als zu Zeiten von Thomas Hobbes.

Wir wissen um die gefährlichen Seiten in uns, und wir wissen um unsere guten und friedlichen Seiten. Frühere Verhaltensforscher untersuchten vor allem das Aggressionsverhalten, heutige Verhaltensforschung interessiert sich auch für die Faszination der angeborenen Bindungsmechanismen. Die Kräfte der Zuwendung und des Miteinander wirken in allen Geschöpfen. Wir sehen uns heute auch nicht mehr als Herren der Schöpfung, die andere Mitgeschöpfe ausrotten kann nach Gutdünken.

Als Mitgeschöpfe sind wir verantwortlich für das gemeinsame Leben auf dieser Erde und in diesem Kosmos. Auch Tiere, die uns gefährlich werden können, haben ihr Lebensrecht. Wir müssen in Verantwortung regeln, wie wir ein gutes Miteinander finden.  (GA)

Der Wolf als Märchenfigur
Der Wolf als Märchenfigur

Expertenwissen:

WWF – Schutzmaßnahmen bei Nutztieren
WWF – Lernen mit dem Wolf zu Leben

Exponat im Alpseehaus. Nagelfluh- Konglomeratgestein der Nagelfluhkette.
Exponat im Alpseehaus. Nagelfluh- Konglomeratgestein der Nagelfluhkette.


 

4 Kommentare zu “Bayern: Wolf, Bär und Luchs

  1. Es ist nur Schade, dass die Tiere aufgrund unserer reduzierten Anpassungsfähigkeit dann doch immer wieder verdrängt und gar (wild) geschossen werden. Und das nicht nur in Kroatien, wo die Einheimischen gerne mal einen Wolf in die ewigen Jagdgründe schicken, bevor er noch weitere Schafe/Ziegen erwischt. Der Artikel macht jedenfalls Hoffnung, Wölfe als Gäste in Bayern zu begrüßen.

    • Danke für dein feedback. Es gibt einfach immer noch viel zu viele Vorurteile, was den Wolf anbelangt. Ich glaube, wir haben auch hier genügend Landstriche, wo er ungestört leben kann.

  2. rita spieler-niemeier

    Es wäre doch eine Bereicherung wenn der Wolf im Allgäu heimisch wird. Ich befürchte nur, dass unsere Bauern da was dagegen haben. Alle Tiere, die man nicht melken oder schlachten kann, kurz, die wirtschaftlich nichts bringen, haben bei vielen keine Daseinsberechtigung. Wie schõn, wenns mal nicht nur ums Geldverdienen, sondern um den Erhalt der Schöpfung ginge. Lieber Wolf, Gruss Gott im Allgäu!

  3. …die Bauern bekommen eine Entschädigung, wenn der Wolf ein Nutztier tötet. Denke eher, dass die Jäger den Wolf als Konkurrenz ansehen.

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