„Wien geht“ – Entdeckungen in der Stadt.

So weit die Füße tragen: „WIEN GEHT“ – eine Stadtentdeckung

Wien zu Fuß erleben? Ich habe mich an vorbeihastende Jogger gewöhnt, die Sightseeing im Laufschritt betreiben. Auch an die Horden von Wanderern in atmungsaktiver Freizeitbekleidung, die wie Heuschreckenschwärme einfallen, um sich auf ihren Wandertouren nebenbei noch ein paar Sehenswürdigkeiten einzuverleiben. Aber im Spaziergang  eine Stadt wie Wien erkunden? Ist das  nicht ein Relikt aus vergangenen Zeiten?

Alles andere als retro: WildUrb

Das unkonventionelle Buch „Wien geht“  von Jine Knapp nimmt seine Leser an die Hand. Ganz modern und jenseits verklärender Nostalgie.  Sie spazieren als „WildUrbs“ auf unterschiedlichen Entdeckungsreisen, mitten hinein in die Stadt oder raus aufs Land. Ein ausreichendes Zeit- und Mußepolster gehört dazu. Alles, was benötigt wird, um den eigenen Wien-Horizont Schritt für Schritt zu erweitern, sind tüchtige Beine und Füße.

Neues Buch „Wien geht“ von WildUrb

Das Buch „WIEN GEHT“ von Jine Knapp sollte direkt in der Hand sein oder zumindest zum Nachschlagen griffbereit eingepackt sein. Dank des kompakten Formats benötigt es wenig Platz im Rucksack, passt sogar in die Hosentasche.

Digital tickende Menschen können sich mit Web 2.0 vernetzen. Sie können sich der WildUrb-Community anschließen, Apps downloaden und dazu beitragen, Tracks und Points in anderen Metropolen für Fußgänger zu „urbanisieren“.

Wien, nur du allein: Spazierreisen durch Parkanlagen, Stadtgärten, Guerillagärten, Industriebrachen, Friedhöfe und verwegene Hinterhofidyllen.

Hübsch gestaltet und mit kenntnisreichem Inhalt gefüllt beflügelt dieser komplett andere Guide den Leser. Er spricht Herz und die Sinne an. Wie unsere Wahrnehmung durch die Art der Fortbewegung verändert wird: Je schneller wir uns bewegen oder bewegen lassen, desto weniger Details erschließen sich uns. Wir sitzen in Flugzeugen, Zügen, Bussen oder Autos und lassen die Welt unter und an uns vorbeirasen. Oder wir hasten von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit in Wien und anderswo, um viel zu sehen – und verpassen viel: die Überraschungen, die wilden Ecken und Kanten Wiens abseits der Touristen-Schnellstraßen. Dabei liegen touristische Attraktionen, Urbanität und Wildnis oft nur ein paar Schritte voneinander entfernt.

Wie funktioniert der Spazier(ver)führer?

Touristen und gestandene Wiener vereint er in ihrer Eigenschaft als sogenannte WildUrbs – Stadtmenschen, die bewusst ihre eigenen Wege gehen. Was beim Unterwegssein der WildUrbs zählt, sind die Faktoren Umwelt, Gesundheit und Freiheit. Was nicht zählt, ist der Leistungsgedanke. Wer schnell viele Kilometer zurücklegen, die weiteste Tour gehen, die meisten Points abklappern will,  hat den Ansatz nicht verstanden. Er sollte lieber sein Glück mit einem konventionellen Stadt- oder Wanderführer versuchen.

Mit „WIEN GEHT“ werden diejenigen glücklich, die Spaß haben, per pedes unterwegs zu sein. 25 verschiedene Routen stehen zur Wahl und 30 Plätze werden vorgestellt. Die 350 Bilder im Buch geben einen Vorgeschmack auf das, was die Spaziergänger erwartet. Jeder kann die Schwerpunkte nach eigenem Gusto setzen und findet Alternativen zu Stephansdom & Co.

Prominente Urbs, die als Gastautoren ihre Stadtrouten vorstellen, sind Dagmar Koller und Roland Düringer. Das Buch funktioniert, indem es Neugier weckt und animiert, eine Seite aufzuschlagen und sich die grobe Richtung vorgeben zu lassen. Was daraus wird, entscheidet jeder nach Lust, Laune und Tagesform.

Spaziergang oder Fußverkehr: Gehkultur im Wandel

„WIEN GEHT“ fasziniert durch die einfache Erkenntnis, dass Gehen ein menschliches Grundbedürfnis ist. Zwar mag dies Bedürfnis durch den sitzlastigen Alltag arg verkümmert sein, aber tief in uns schlummert es. Um einen Ausgleich zum Bewegungsmangel zu schaffen, gilt Ausdauersport als probates Mittel und wird für Ambitionierte zur Passion. Laufen, Schwimmen, Radfahren, Walking – sportlich gesehen alles wunderbar effektiv, aber es ist  nicht zu vergleichen mit dem Gehen oder Schlendern.

Die Kulturgeschichte des Gehens, Spazierens und Flanierens macht deutlich: Fußgänger  mussten sich ihr Terrain im Zeitalter der Aufklärung zurückerobern. Vorher hatten die  Kutschen der Herrschenden die gesamte Straßenbreite für sich beansprucht. Nun sollten breite Gehwege zur Emanzipation der der neuen herrschenden Klasse beitragen: die Bürgersteige! Ausgedehnte Fußreisen erlebten ihre Blütezeit.

WildUrb bietet mit „WIEN GEHT“ eine Alternative zu den üblichen Stadtrundfahrten und Sightseeing-Touren. Es zeigt eine sinnvolle neue Gegenkultur: Sympathisch und locker macht die Autorin Lust auf Eigeninitiative. Bewusst aufs Auto verzichten und die Umgebung gehend wahrnehmen! CO2 sparen, Kontakte gewinnen, Glücksmomente erleben, sich entschleunigt fühlen! Merken, wie sich das Leben nach den ersten Schritten verändert, spontaner wird und an jeder Straßenecke Überraschungen bietet! Man liest und spürt: Es geht! (GA)

 

„WIEN GEHT“ von Jine Knapp /Wildurb
Rittberger & Knapp Verlag, 2. Auflage. (April 2011)
176 Seiten, Broschur, € 14,80
ISBN 978-3-9502869-2-2

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