Wandern – Macht der Bewegung

Die Macht der Bewegung

Macht ist stark: Wenn etwas Macht hat oder ausübt, dann besitzt oder verleiht es Kraft. Für den Sportwissenschaftler und Fachautor Dr. Freerk Baumann hat Bewegung diese Macht, weil sie immense Kräfte freisetzt und den Genesungsprozess kranker Menschen nachhaltig positiv beeinflusst. Entsprechend lautet der Untertitel seines Buches „Dem Körper wieder vertrauen nach einer schweren Erkrankung – Bahnbrechende Erkenntnisse der Bewegungstherapie“. Es ist ein Buch, das Mut macht und völlig neue Wege aufzeigt, die im Einklang mit der Natur beschritten werden können.


Allgäu, wandern um den Rottachsee. Foto © Andreas Riedmiller

Angeborener Bewegungsdrang

Durch einen Exkurs in die Frühgeschichte der Menschheit zeigt Baumann bereits im Vorwort, wie bedeutsam körperliche Aktivität in der Menschheitsgeschichte war – und immer noch ist. Menschen, wenn auch seit Jahrtausenden sesshaft, sind genetisch betrachtet immer noch die Nomaden der Frühzeit. Längst scheint körperliche Aktivität nicht mehr unmittelbar überlebenswichtig zu sein, denn auf Jagdglück oder stundenlanges Umherstreifen auf der Suche nach Beeren und Wurzeln ist der moderne Mensch in der Wohlstandsgesellschaft nicht mehr angewiesen. Die Errungenschaften der Zivilisation und der damit verbundene Mangel an Bewegung wirken sich jedoch auf eine andere Weise auf das Leben und die Lebensqualität aus: Zivilisationskrankheiten nehmen zu, während die Selbstheilungskräfte nachlassen. Der Mangel an Bewegung scheint Ursache oder Auslöser vieler Krankheiten zu sein und ist damit ein grundlegendes Problem unserer Gesellschaft.

Wirkung auf Körper, Geist und Psyche 

Freerk Baumann wuchs in ländlicher Abgeschiedenheit naturnah auf. Seine Erfahrungen in der Kindheit und Jugend überzeugten ihn davon, dass natürliche Bewegung neue Horizonte eröffnen kann. Wie sich Bewegung im Rahmen der Nachsorge von Krebspatienten auswirkt, hat Dr. Baumann in zahlreichen wissenschaftlichen Studien an der Sporthochschule Köln zum Forschungsthema „Bewegung, Sport und Krebs“ untersucht. Seine Publikation „Macht der Bewegung“ fasst die Ergebnisse dieser Studien zusammen und gelangt zur Erkenntnis: Im Rahmen der Krebsnachsorge stärkt Wandern in der Natur Körper, Geist und Psyche und ist somit eine richtungsweisende neue Form der medizinischen Rehabilitation. Das aktive Erleben der Natur ist eine ausschlaggebende Komponente, ohne die Bewegung nicht diesen starken Einfluss auf die Krankheitsbewältigung hätte.

Krankheit und Krankheitsbewältigung

Während der Tätigkeit in einer onkologischen Klinik im Rahmen seiner Doktorarbeit wurde Baumann mit der tiefen Verunsicherung vieler Patienten konfrontiert, die durch eine lebensbedrohliche Krankheit wie Krebs entsteht und selbst nach der Heilung häufig anhält. Das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des eigenen Körpers ist erschüttert, was in der Folge zu Antriebslosigkeit, Erschöpfung und Rückzug führen kann. Im Rahmen der Nachsorge von Krebserkrankungen ermutigte Baumann Patienten dazu, sich körperliche Belastungen zuzutrauen und sich ungewöhnlichen Herausforderungen zu stellen. Ein Testprojekt („Friluftsliv“) und zwei große Projekte (Wandern auf dem Jakobsweg und das Männerprojekt Alpenüberquerung), veranschaulicht durch subjektive Erfahrungsberichte der Patienten, sind im Buch beschrieben.

Die Zielsetzung: Den Körper fordern, Lebenslust stärken

„Friluftsliv“ kommt aus dem Norwegischen und bedeutet, sich an der frischen Luft in der Natur aufzuhalten und körperlich zu betätigen. Die Teilnehmerinnen des Projekts wohnten in einfachen Blockhütten nahe Lillehammer. Nach der positiven Bilanz dieses Tests war der Weg frei für Projekte, die absolutes Neuland als Reha-Maßnahmen waren: eine Wanderung mit einer Gruppe von Krebspatientinnen auf dem spanischen Jakobsweg (800 km) und eine Alpenüberquerung mit männlichen Krebspatienten (520 km, 20.000 Höhenmeter). Der Faktor Bewegung wurde um den Faktor Zeit erweitert, denn es ging ausdrücklich nicht darum, sportliche Rekorde aufzustellen. Ziel war es, die physische und psychische Belastbarkeit zu verbessern und sowohl den Betroffenen als auch deren Angehörigen Mut zu machen für ein erfülltes Leben nach der Erkrankung.

Inspirierende Lektüre: Bewegung als nachhaltiges Erlebnis

Dem Sportwissenschaftler gelingt es in seinem Buch, übliche Fragestellungen durch neue zu ersetzen. Muss sich Rehabilitation an den Defiziten der Patienten orientieren? Nicht, wenn es nach Baumann geht. Seine Studien belegen, dass vielmehr die Fähigkeiten und Ressourcen in den Vordergrund rücken sollten, die aktiviert werden können. Mittlerweile greifen einige Rehaprogramme die Erkenntnisse Baumanns auf und Bewegung ist als Therapieform anerkannt, weil sich in vielen Fällen die verbleibende Lebensqualität nachweislich erhöht.

Dr. Freerk Baumann beleuchtet die „Macht der Bewegung“ wissenschaftlich vor dem Hintergrund schwerer Erkrankungen – das macht sein Buch zu einer bemerkenswerten und motivierenden Lektüre, nicht nur für kranke Menschen und ihre Angehörigen, sondern auch als Inspiration für den Lebensalltag. (GA)


> Bewegungsmangel schadet dem Herzen

 


 

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