Allgäuer Viehscheid

Allgäu: Viehscheid in Bad Hindelang

Kurz vor dem Viehscheid stürzt sich die Herde noch auf die grüne Wiese und arbeitet sich bimmelnd und fressend durchs Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen. Das Gras wird im September schon weniger und der Herbst kehrt hier in Bad Hindelang schon ein. Die Rinder sind kaum noch zu bremsen…

Geschichte zu den Bildern vom Viehscheid

Wie ein Bergnomade zieht der Alphirte Herbert Martin mit seinen Rindern im Frühsommer von einer Alpweide auf die andere. Erst an den Südhängen der Sonnenköpfe entlang und später geht es Richtung Nordseite des Daumens. Nach und nach treibt er die Herde dem wachsenden Gras hinterher, bis er schließlich die exponierte Haseneggalpe am Kleinen Daumen erreicht hat. Hier oben verbringt er mit seinem Vieh und seinen beiden Hirten den Sommer. Der Platz in der Hütte reicht gerade für einen kleinen Tisch, einen Holzherd, eine Liege und einen Kühlschrank, der mit Strom aus einer kleinen Photovoltaikanlage betrieben wird. Über der Eingangstüre hat Herbert jede Jahreszahl seines 31-jährigen Hüttenaufenthaltes, sichtbar für alle Zeiten eingeschnitzt.

Alpe Bad Hindelang
Foto © Andreas Riedmiller Alpe
Alphirte Herbert Martin spielt mit seinen Kleinhirten Karten.
Foto © Andreas Riedmiller Alphirte Herbert Martin spielt mit seinen Kleinhirten Karten.
Am Vorabend des Viehscheids werden die Großen Schellen angelegt.
Foto © Andreas Riedmiller Am Vorabend des Viehscheids werden die Großen Schellen angelegt.
Viehscheid Hindelang
Foto © Andreas Riedmiller Viehscheid Hindelang
Viehscheid Hindelang
Foto © Andreas Riedmiller Viehscheid Hindelang
Bad Hindelang Hirten
Foto © Andreas Riedmiller Bad Hindelang Hirten
Alphirte der Haseneck Alpe Herbert Martin.
Foto © Andreas Riedmiller Alphirte der Haseneck Alpe Herbert Martin.
Viehscheid Bad Hindelang
Foto © Andreas Riedmiller Viehscheid Bad Hindelang
Viehscheid Bad Hindelang
Foto © Andreas Riedmiller Viehscheid Bad Hindelang
Viehscheid Bad Hindelang
Foto © Andreas Riedmiller Viehscheid Bad Hindelang
Viehscheid Bad Hindelang
Foto © Andreas Riedmiller Viehscheid Bad Hindelang
Viehscheid Bad Hindelang
Foto © Andreas Riedmiller Viehscheid Bad Hindelang
Viehscheid Bad Hindelang
Foto © Andreas Riedmiller Viehscheid Bad Hindelang
Viehscheid Bad Hindelang
Foto © Andreas Riedmiller Viehscheid Bad Hindelang
Viehscheid Bad Hindelang
Foto © Andreas Riedmiller Viehscheid Bad Hindelang

Der Mensch will immer die Natur beherrschen

Herbert hat viel erlebt mit dem Vieh und mit der umgebenden Natur. „Der Mensch will immer die Natur beherrschen“ sagt Herbert. „Es ist umgekehrt, die Natur beherrscht uns!“ sagt er. Die ehemals untere Haseneggalpe, die als Unterstand diente, wurde im Jahre 1998 von einer Riesenlawine wie ein Kartenhaus weggeputzt. Bei Regen, Schnee, Unwetter und Hitze ist er auf der Alpe.

Die Rinder werden vom Hirten im Auge behalten

Tägliche Kontrollgänge über die steilen Grashänge in Richtung Kleiner Daumen oder hinauf bis zur Rotspitze, halten ihn auf dem Laufenden, wo sich seine Rinder gerade aufhalten. „Manchmal sind die Viecher so saudumm und verlaufen sich auf der Suche nach einem noch besseren, vielleicht noch schmackhafteren Grashalm, in extrem steile, steinschlaggefährdete Rinnen. Da ist höchste Gefahr angesagt. Der Hirte geht dann mit dem Haselnussstecken und seinem Feldstecher sofort los und muss dafür sorgen, dass das Tier schnellstmöglich wieder aus der Gefahrenzone kommt. „Gar it amol selten bocket dann so a Viech halt de Buckl na und isch oifach hi!“ (Nicht selten fällt ein Tier den Hang hinunter und ist dann tot) sagt Herbert auf allgäuerisch, cool und emotionslos.

Die Unwetter hier oben sind manchmal krass. Blitz und Donner hallen von den Felswänden des großen Daumens zurück und der Regen füllt in dem engen Tal schnell alle Rinnen mit Sturzbächen. Das Vieh steht dann stoisch im Gelände herum. Die Klügeren suchen Schutz unter den letzten Bäumen hier oben. Herbert muss in der Hütte warten, es ist zu gefährlich bei Gewitter im freien Gelände zu sein. Er weiß genau wovon er spricht. Ein Blitz ist unberechenbar. Durch Blitzschlag sind schon öfter Rinder zu Tode gekommen. Wenn es wieder einmal ein Tier trifft, nimmt das Herbert gelassen hin. „Da kannst sowieso nichts machen,“ sagt er. Er ist hier oben in allen Lagen auf sich alleine gestellt. Handyempfang gibt es nicht. Wenn dem Vieh was fehlt, dann hat er seine Hausmittel parat, denn ein Tierarzt kommt hier nicht hoch. Hat sich ein Tier so schwer verletzt, dann muss Herbert den Richter zwischen Leben und Tod spielen. Das sind seine schwierigsten Momente auf der Alp, sagte er.

Wie die Herde ins Tal kommt?

Es ist 2. September drei Uhr nachmittags, die ersten Vorbereitungen für den Viehscheid sind angesagt. Herbert und seine Kleinhirten Klemens und Seraphin steigen mit sicherem Tritt ganz hoch und verteilen sich im steilen Gelände. Sie beginnen die weiten Hänge und Steilrinnen abzusuchen, um das Vieh in Richtung untere Haseneggalpe zu bringen. Nach und nach kommen die Tiere tiefer, sie spüren, dass es bald ins Tal geht. Von allen Seiten bilden sich kleinere Trupps, lockere Horden trotten noch gelassen nach unten. Die einzelnen Gruppen schließen sich immer mehr zusammen, um dann als große Herde immer schneller und schneller über steile Grasbuckel und schließlich in wilder Hatz den Berg hinunter zu rennen. Hufe trampeln laut, Steine und Humusteile fliegen mir links und rechts um die Ohren. Bevor ich mich in Deckung bringen kann, stehe ich schon mitten in der talwärts stürmenden Herde. Verzweifelt versuchen die drei Hirten, mit ihren Haselnussstecken, fuchtelnd und laut rufend, die Tiere in die richtige Richtung zu drängen. Es ist hoffnungslos für die Hirten, der Elektrozaun wird einfach überrannt, die Rindviecher kümmerts nicht. Hauptsache endlich runter! Angelangt bei der ehemaligen unteren Haseneggalpe beruhig sich der Stress wieder. Hier bleiben die Tiere, bis sie die kommenden Tage, die nächste Etappe zur Alpe Stellen gebracht werden. Eher lustlos fangen die Tiere an, das dürre, vom nahenden Herbst schon braun gewordenen Gras zu fressen. „Sie wissen, dass es unten am Talboden besseres, frisches, saftiggrünes Gas zu fressen gibt“, meint Herbert. Den Blumenschmuck für die Kranzkuh bestellt Herbert immer erst am vorletzten Tag vor dem Viehscheid. „Denn es kann noch viel passieren bis wir unten im Tal sind:“ erzählt er. Die Herde bekommt nur dann eine geschmückte Kranzkuh, wenn im Sommer alles gut gegangen und kein Unfall auf der Alpe vorgekommen ist. So will es der Brauch, da halten sich alle Hirten daran.

Die Herde stürzt sich auf die grüne Wiese

Es ist ein regnerischer Sonntagnachmittag, ich warte unten im Retterschwanger Tal bei der Alpe Stellen. Die Glocken der Herde hallen schon von weitem herunter. Nun dauert es nicht mehr lange, bis die Herde bei der Alpe Stellen im Retterschwanger Tal ankommt. Toll: Mein ADAC Aufmacherbild ist gedanklich schon im Entstehen. Ich mache meine ersten Probeaufnahmen und platziere mich so, dass mein Foto wie von selbst entstehen sollte, wenn die Herde mit Hirten langsam vorbeizieht. Klassische Bildaufteilung: Herrliche Alpidylle, im Vordergrund zieht die Herde auf dem Fahrweg mit den Hirten in Richtung Alpe. Die angestrebte Bildaussage: „ Nach einem anstrengenden Tag auf dem Berg kehrt die Ruhe ein und ein unvergleichlicher, tiefer Friede legt sich über das Land. Feierabendstimmung. Hirte und Herde vor der Hütte, entspannt und gelassen nach dem harten Tagwerk. Ein Bild, das vielleicht auch der Maler Giovanni Segantini gemalt hätte. Es kam ganz anders als von mir erwartet. Die Herde, wilder, halbstarker Rinder war wieder nicht zu bremsen. Der weite Talboden mit noch saftiggrünem Gras und duftenden Bergkräutern war einfach zu verlockend für die Rinder. Die ganze Herde stürzt sich auf die grüne Wiese und arbeitet sich bimmelnd und fressend durchs Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen. Die Hirten, bis auf die Haut nassgeschwitzt, bringen als Nachtisch Salz zum Lecken vorbei. Ich musste meinen Plan schnell fallen lassen und sehen, wie ich mit der Kamera zurechtkomme.

Nächtliche Eindringlinge auf der Alpwiese

Herbert erzählte mir von den nächtlichen Eindringlingen, die ihm hier das wertvolle Viehfutter stehlen. Der Beweis liegt in Form dunkelbrauner Losung überall herum. Es ist eindeutig. Als er vergangene Nacht mit dem Scheinwerfer hierher leuchtete, hat er die Eindringlinge inflagranti erwischt. 20 – 30 phosphoreszierend leuchtende Augenpaare blinken im fahlen Mondlicht erschrocken zu ihm: Rothirsche, als Trophäenträger bei Hobbyjägern sehr geschätzt, treiben hier ihr nächtliches Unwesen. Hunderte von Hirschen gibt es hier im Retterschwanger Tal, im ehemaligen königlichen Jagdgebiet. Der Jagddruck machte sie zu nachtaktiven Tieren, die man am Tage kaum mehr zu Gesicht bekommt. Obwohl die Jagd kontrolliert wird, gibt es immer noch zu viele Rothirsche.

Die Stürme Vivian und Wibke wüteten im Retterschwanger Tal.

Seit die Stürme Vivian und Wibke in den Jahren 1990-91 den Wald mehrerer Bergflanken in Sekunden flach gelegt hatten, geht die Devise „Wald vor Wild“ vor. Nachfolgend kam der Borkenkäfer über die Bäume und schwächte den Wald noch mehr. Große Schautafeln der Forstverwaltung verdeutlichen das Desaster von Vivian und Wibke. Doch die Natur ist stark und vital. Heute ahnt kaum jemand was von dieser vergangenen Unwetterkatastrophe. Hunderttausende von latent im Boden liegender Samen, die jahrzehntelang keimfähig bleiben, wurden vom einfallenden Sonnenlicht aktiviert und begannen alsbald auszutreiben. Sie nehmen nach 20 Jahren den Platz der umgestürzten Baumriesen wieder ein. Obwohl nur wenige Bäume nachgepflanzt wurden, hat sich hier wieder ein wunderbarer, stabiler, artenreicher und völlig gesunder Bergmischwald entwickeln können. Das funktioniert nur, wenn der Mensch steuernd eingreift und das Wild etwas reduziert, damit die Balance zwischen natürlicher Waldverjüngung und Wildbesatz wieder hergestellt wird.

Vorbereitung zum Viehscheid in Bad Hindelang

Die Rinder werden am Tag vor dem Viehscheid zusammengetrieben und nach und nach durch einen Trichter aus Holzstangen geführt, um dort die großen Kuhschellen und Glocken anzulegen. Jeweils zwei Mann sind an einem Rind. Einer hält es am Kopf fest und der andere legt fachkundig die große Schelle an. Nach der Prozedur wird das Rind entlassen. Mit wilden Sprüngen versucht das Tier sich von der Last der Schelle zu befreien.

Am Tag darauf sind wir vor 6 Uhr an der Hornbachhütte, fast am Ausgang des Tales, verabredet. Die Dämmerungsphase beginnt gerade und es ist außergewöhnlich still hier oben. Die Rinder schlafen noch. Trotz ihrer großen Schellen ist kaum ein Laut zu hören. Bald schon sind die ersten Sonnenstrahlen an der Rotspitze zu sehen. Die Hirten sind festlich angezogen, einige verlassen die Hütte, um die Rinder von den Hängen zu holen und dann geht es gemeinsam ins Tal. Unten an der Ostrach wird die Herde gestoppt und es werden die vorgesehenen „Kranzrinder“ herausgeholt, um den festlichen Kopfschmuck aus Trockenblumen, Seidenblumen und Silberdisteln anzulegen.

Der Allgäuer Viehscheid ist ein Fest für alle Sinne.

Weißes Hemd und Hosenträger mit eingesticktem Edelweiß ist für die Hirten an diesem Tag Pflicht. Juliane, Seraphin und Klemens bekommen die große Ehre, sie dürfen die festlich geschmückten Kranzrinder zum Viehscheid in Bad Hindelang führen. Dahinter folgt die restliche Herde mit 247 Rindern, streng riechend und von einer nebligen Schweisswolke begleitet, geht es im Laufschritt Richtung Scheidplatz in Bad Hindelang. Das ganze Ostrachtal klingt an diesem Vormittag nach laut dröhnendem Schellengeläut der Herden, die im Stundentakt am langen Spalier der vielen Zuschauer des Viehscheides vorbeiziehen. Die vorauseilenden Hirten haben alle Mühe, die aufgeregte, wild muhende und von hinten drängende Rinderherde, mit sanften Stockschlägen unter Kontrolle zu halten. Am Scheidplatz in Bad Hindelang angekommen, beruhigt sich die Szene wieder. Es mischt sich der Lärm des Rummelplatzes, mit moderner Stimmungsmusik des Bierzelts und den Rufen der Rinder zum typischen “Allgäusound” während der Viehscheidzeit im Herbst.

Die über den Sommer gut durchtrainierten Rinder werden von Herbert Martin, durch Zuruf über das Mikrofon, persönlich den einzelnen Besitzern übergeben.

Mit dem Viehscheid endet der ca 100 Tage dauernde Alpsommer von Herbert Martin und seinen Kleinhirten Seraphin und Klemens.

Faktencheck:

  • Mittlere Haseneggalpe: Höhenlage 1589 Meter,
  • Hornbachalpe und Alpe Stellen: Höhenlage 1049 Meter, Alpe Stellen
  • Besitzer: Alpgenossenschaft Hasenegg/Hintersteiner Galtalpen
  • Hirte: Herbert Martin, 54 Jahre alt und seit 31 Jahren auf der Alpe
  • Helfer: Klemens Karg und Seraphin Karg, 12 Jahre alt und seit 4 Jahren auf der Alpe Hasenegg in den Ferien dabei
  • Viehbestand: 247 Stück Jungvieh, 2 Kühe, 1 Kalb, 1 Haflingerpferd
Tipp: Anreise mit der Bahn – Fahrtziel Natur ist ein Projekt in Zusammenarbeit mit NABU, BUND und VCD

4 Kommentare zu “Allgäu: Viehscheid in Bad Hindelang

  1. Sehr schöne Bilder und ein super Artikel!
    Ich hoffe auch diese Jahr sind Sie wieder dabei,
    beim Scheid 🙂

    • Lieber Peter,

      danke, ich freu mich wenn dir meine Fotografie und der Artikel gefallen. Verrate mir doch bitte welchen Viehscheid im Allgäu meinst du?

      Viele Grüße Andreas

  2. Lieber Andreas,

    bitte den Oberallgäuer Sprachgebrauch nicht verwechseln. Es tut uns in der Seele weh wenn wir als allemannisches Sprachgebiet verbayuwarisiert werden. Bei uns gibt es keine Almen und auch keinen Almabtrieb.

    Gruß Alois

    • Lieber Alois,

      danke, dass du mich darauf aufmerksam machst. Es freut mich, daß dir mein Beitrag gefällt. Bitte empfehle den Blog weiter.

      Schönen Gruß nach Bad Hindelang

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