Brandenburg Rühstädt an der Elbe

Prignitz: Wie Rühstädt vom Hochwasser gerettet wurde

Den ersten Stopp auf meiner Radtour Rühstädt-Wittenberge entlang der Elbe lege ich im Ortsteil Bälow ein. Blühende Rosen und Gärten sind hier, dies muss ich fotografieren, denke ich. Über den Gartenzaun komme ich mit Frau Gronau ins Gespräch. »Da hätten sie mich 2013 besuchen sollen. Das Wasser stand im Gemüsegarten und nebenan im Hof zwei Meter hoch. Als das Hochwasser heranrückte, war der Garten verwüstet. Überlebt hat nur der Spargel. Nach Abzug des Hochwassers lagen Fische im Garten. Einen Korb mit Hechten, Schleien, Plötzen und Goldfischen haben wir aufgesammelt«. Ihr Mann kippt mit dem Schubkarren eine Fuhre Mist in das Beet »Wir leben mit dem Elbe Hochwasser. Unsere Keller sind nicht ausgebaut, es stehen nur Einmachgläser darin. Wenn das Wasser abfließt, ist der Schaden klein. Wir wohnen fast 80 Jahre hier, aber sowas wie 2013 haben wir noch nie erlebt. Die Elbe ist drei Kilometer entfernt. Doch hier stand uns das Wasser bis zum Hals«, sagt er und macht mit der rechten Hand eine entsprechende Geste. Heute gedeihen wieder Kartoffeln und Gemüse, Paeonien und Taglilien blühen mit Rosen um die Wette. Nur die Erdbeeren sind gefährdet, denn nachts schleicht der Waschbär in den Garten und stibitzt die Früchte.

Hartholzaue an der Elbe
Foto © Andreas Riedmiller Hartholzaue an der Elbe
Jürgen Harper von der Naturschutzwacht macht die Storchenführung in Rühstädt.
Foto © Andreas Riedmiller Jürgen Herper von der Naturschutzwacht

Wie Rühstädt vor dem Hochwasser geschützt wird

Das »Jahrtausendhochwasser« von 2103 sitzt noch allen Anwohnern tief in den Knochen. Abends treffe ich Jürgen Herper auf der Terrasse vor dem »Storchenkrug«. Bei jeder Deichverteidigung war er als Bürgermeister von Rühstädt mit dabei. Von ihm erfahre ich aus erster Hand, wie der kleine Ort dank vieler tatkräftiger Helfer in letzter Sekunde vom Hochwasser verschont blieb. Der Wetterbericht meldet anhaltende VB-Wetterlage (Mittelmeertief) mit starken Niederschlägen im Einzugsgebiet der Elbe, im Böhmerwald, in Tschechien und an der Saale. Diese Information setzt die Verantwortlichen in Unruhe. Seit 150 Jahren gibt es ein Meldesystem, das über die Wasserstände im Einzugsgebiet der Elbe informiert. Früher mit Morsegerät und Telefon, heute per Internet. Jürgen Herper: »Wir können ausrechnen, was uns erwartet. Bei einem Wasserstand von neun Meter an der Pillnitz wird Katastrophenalarm ausgelöst. Sobald die Hochwasserwelle Dresden erreicht, hat Rühstädt eine Woche Zeit, um Vorkehrungen zu treffen.«

Anwohner und Freiwillige sichern den Deich

Wenn alarmiert wird, läuft ein eingeübtes Programm ab und jeder weiß, was zu tun ist. Für alle Bewohner, Männer wie Frauen ist es Pflicht, den Deich zu sichern. Das Wichtigste ist, Sandsäcke zu füllen und schleppen. Dazu kommt Logistik und Verpflegung für die Helfer. Beim Katastrophenhochwasser 2002 wurden auf der noch nicht sanierten Deichlinie, zwischen Wittenberge und Quizöbel, 7 Mio. Sandsäcke verbaut. 2013  war ein großer Teil der Deiche saniert und hoch genug. Doch zwischen Bälow und Hinzdorf waren die Deichabschnitte bis dahin noch nicht ausgebessert, dort gab es Probleme. In diesem Flussabschnitt waren 2500 Personen im Einsatz und kämpften gegen die andrückende Flut um das Überlaufen zu verhindern. Wenn Wasser über den Deich läuft ist er verloren. Viele freiwillige Helfer sind von außerhalb angereist und übernachteten im Freien.

Liebenthaler Wildpferde als Landschaftspfleger im Gebiet der Deichrückverlegung bei Burg Lenze
Foto © Andreas Riedmiller Liebenthaler Wildpferde als Landschaftspfleger im Gebiet der Deichrückverlegung bei Burg Lenzen.

Die Schufterei will kein Ende nehmen

Herper: »Bei überlaufendem Wasser wurden die durchweichten Deiche abgesichert. Weder mein Vater, Großvater noch mein Urgroßvater haben je eine solche Situation erlebt. Die Deichverbaung war eine unglaubliche Quälerei. Die Schufterei dauerte 10 Tage. Tag und Nacht wurden Sandsäcke geschleppt, bis der Laden wieder dicht gemacht wurde. Die Helfer waren in großer Gefahr, da darf man kein Feigling sein«, erzählt Jürgen.

In den letzten Jahren stieg bei jedem Hochwasser der Pegel um weitere 30 Zentimeter. 2013 wurde der Rekordpegel von 7,85 Metern erreicht. Herper: »Damit haben wir die Oberkante der Deiche und das Ende der Fahnenstange erreicht. Die neue Erkenntnis ist, wenn der Pegel beim nächsten Hochwasser wieder um 30 Zentimeter ansteigt, nützt es nichts mehr, die Dämme zu erhöhen. Die durchweichten und schwabbeligen Deiche können dem Wasserdruck der Elbe nicht mehr standhalten. Da helfen auch keine weiteren Sandsäcke mehr. Da sind wir alle bedroht.«

Auf den Deichabschnitten zwischen Bälow und Hinzdorf, gab es beim Hochwasser im Juni 2013 große Probleme das Wasser am Überlaufen zu hindern. Anwohner und freiwillige Helfer füllen Sandsäcke.
Foto © Caro/Geilert Auf den Deichabschnitten zwischen Bälow und Hinzdorf, gab es beim Hochwasser im Juni 2013 große Probleme das Wasser am Überlaufen zu hindern. Anwohner und freiwillige Helfer füllen Sandsäcke.

Studie im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherer (GDV)

….Wissenschaftler haben erneut einen Blick auf mögliche Flutschäden geworfen. Die Ergebnisse wurden mit einer Computersimulationen bestätigt. „Die aufwendige Analyse zeigt, dass wir in Zukunft mit  Zunahme von Hochwasserschäden rechnen müssen – die Schadenskosten können deutlich höher sein als ursprünglich gedacht“, so Hattermann.

Info: Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.

Ursachen

Die Ursachen des Hochwassers sind vielschichtig. Vor Ort erfahre ich, dass die Elbe in den letzten hundert Jahren über 80 Prozent Auwälder und Überflutungsfläche verloren hat. Deiche rückten immer näher an den Hauptfluss, um Platz für Landwirtschaft und Siedlungen zu haben. Offener Boden und natürliche Vegetation wirken wie ein Schwamm und halten Oberflächenwasser bei Starkregen zurück. Da es von Jahr zu Jahr mehr Bodenversiegelung durch Asphalt, Beton und Siedlungsgebiete gibt, kann Wasser ungehindert in Bäche und Flüsse laufen. Man vermutet, auch der Klimawandel trägt durch  stärkere und länger anhaltende Regenperioden dazu bei. Wärmere Luftmassen können verstärkt Feuchtigkeit transportieren und die gefürchtete VB-Wetterlagen könnten in Zukunft häufiger auftreten. Wenn Niederschläge im Einzugsgebiet der Elbe vorkommen, kulminieren die Wassermengen im Hauptstrom. Dies führt dazu, dass Rekordpegelstände erreicht werden und die Wassermassen im Flussbett keinen Platz mehr finden.

Ein Modelprojekt zeigt, wie die Elbeflut gebändigt werden kann.

Die Naturschutzverbände möchten der Elbe möglichst viele Überschwemmungsflächen zurückgeben. Bei Hochwasser muss der Fluss »atmen« können. Er beansprucht Ausdehnungsflächen, um Wasser aufzunehmen und für längere Zeit zu speichern.

Vor 1000 Jahren lebten hier die Slawen. Rund um Burg Lenzen erstreckte sich eine weite Auenlandschaft. Die Menschen lebten mit dem Wasser.  Im Besucherzentrum Burg Lenzen ist eine Ausstellung über die Vergangenheit mit einigen archäologischen Funden.

Naturschutzprojekt im Biosphärenreservat Flusslandschaft-Elbe

Heiko Bölk vom Besucherzentrum Burg Lenzen nimmt mich mit auf eine Exkursion ins Deichrückverlegungsgebiet. Oben am Deich, am sogenannten »Bösen Ort«, schauen wir auf die Elbe. Hier macht der Fluss einen Knick. Am Prallhang gräbt sich die Elbe ein und erodiert Material, am Gleithang wird Sand abgelagert. Da manche Schiffskapitäne Zeit sparen und den kürzeren Weg fahren wollten, liefen ihre Frachter auf Grund. Darum heißt diese berüchtigte Stelle »Böser Ort«.

Zwischen 2005 und 2011 wurde hier Deutschlands erste Deichrückverlegung als Naturschutzgroßprojekt realisiert. Den neuen Deich hat man etwa 1,3 Kilometer ins Landesinnere verlegt und dabei 420 Hektar Auenlandschaft als Hochwasserpuffer gewonnen. Darin hat sich inzwischen eine Naturidylle entwickelt. Über sechs geöffnete Schlitze strömt das Hochwasser der Elbe ein und verteilt sich auf dem Gelände. Flussabwärts gelangt das Wasser wieder in den Hauptstrom. Die Hochwasserentlastung konnte 2010 und 2013 nachgewiesen werden. Statt Polder mit Schleusen zu bauen, bevorzugen Naturschutzverbände naturnahe Lösungen. Zum einen halten Auwälder Hochwasser zurück und zum anderen wird Lebensraum für bedrohte Arten geschaffen und so die Biodiversität erhöht. Wenn alles natürlich eingewachsen ist, entstehen neue Erholungslandschaften. Ferien und Naturbeobachtungen lassen sich gut miteinander verbinden. Wie man bei Burg Lenzen sieht, kommen Gäste gerne hierher um Rad- und Kanutouren zu unternehmen oder Vögel zu beobachten.

Deichrückverlegung

Wir gehen am Kontrollweg der ehemaligen innerdeutschen Grenze entlang. Heiko hat mir  Seeadler »versprochen«, die es hier gibt. Fliegend begleitet uns ein Roter Milan, das freut mich genauso, denn ich lande mit dem Teleobjektiv einen Volltreffer. Vom alten Wachturm aus, der vom Eisernen Vorhang übriggeblieben ist, haben wir über die Elblandschaft einen Überblick. Es offenbart sich die Vielfalt der Biotope. In relativ kurzer Zeit hat sich im Deichrückbaugebiet »Natur aus zweiter Hand« und eine Wildnis entwickelt. Die Hartholzaue wurde mit Stieleichen, Flatterulmen, Silberweiden, Hainbuchen, Feldahorn und Schwarzerle angepflanzt. 30 000 gepflanzte Bäume gedeihen prächtig.

Dazwischen sind offene Wiesenlandschaften, Wasserblänken und Tümpel, die vom letzten Hochwasser noch vorhanden sind. Sie dienen jetzt als Kinderstube für zahlreiche Fischarten, die in der Elbe heimisch sind. Besonders reichhaltig ist die Amphibienfauna. Die Hälfte aller Amphibienarten die in Deutschland vorkommen sind hier zu finden. In Brandenburg gibt es 15 Amphibienarten, davon kommen 10 Arten im Gebiet der Deichrückverlegung vor. Zur Vogelflugzeit im Herbst ist hier reger Flugbetrieb. Zugvögel aus dem Norden trudeln ein, sie rasten und fressen sich hier satt für den Weiterflug nach Süden. Zu dieser Zeit kann man Singschwäne und Gruppen von rastenden Kranichen beobachten.

Wildpferde als Landschaftspfleger

Die Liebenthaler Wildlinge sind eine Pferdezüchtung aus polnischen Koniks- und norwegischen Fjordpferden. Die friedlichen, widerstandsfähigen Wildpferde sind das ganze Jahr über draußen. Am liebsten fressen sie Gräser und Kräuter. Dadurch schaffen sie freie Flächen für seltene Wiesenbrüter wie Kiebitz und Brachvogel. Die Pferde mit dem charakteristischen weißen »Mehlmaul«, mit stehender, blonder Mähne, mit Aalstrich am Rücken und Zebrastreifen am Bein sehen aus wie kleine Wildpferde.

Die gelungene Deichrückverlegung bei Lenzen ist ein Modelprojekt, wie Hochwasserschutz und Renaturierung an der Elbe funktionieren kann. Das ist nur ein Anfang. Der volkswirtschaftliche Schaden, den das Elbehochwasser 2013 verursachte, kostete den Staat, Land und Gemeinden zusammen etwa eine Milliarde Euro. Es braucht noch viel mehr Raum für neue Hochwasserpuffer, um in Zukunft besser geschützt zu sein. Die Kosten dafür sind im Vergleich zu den zu erwartenden Hochwasserschäden relativ gering. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das nächste Hochwasser kommt.

»Politiker besuchten die Brennpunkte, um den Helfern Mut zu machen. Das Zeitfenster, um ihnen die Hochwasserproblematik erklären zu können, war jedoch zu knapp«, meint Jürgen.

„Alles was gegen die Natur ist, hat auf Dauer keinen Bestand“

Zitat von Charles Robert Darwin (Britischer Naturforscher und bedeutender Naturwissenschaftler 1809 – 1882)

Deichrückverlegung – Aufgabe für Generationen.


Brandenburg_Prignitz

Die Reise nach Brandenburg wurde unterstützt von Reiseland Brandenburg. Dank an Herrn Steffen Lehmann, Herrn Jürgen Herper von der Naturschutzwacht und Heiko Bölk vom Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe für die Informationen.

4 Kommentare zu “Prignitz: Wie Rühstädt vom Hochwasser gerettet wurde

  1. Sehr schön, wie du die Naturidylle durch deine Fotos transportierst!

    • Hallo Silke und Thomas,

      danke für Euren Kommentar. Besonders faszinierend fand ich die Deichrückverlegung bei Burg Lenzen. Der Deich wurde um 1,3 Kilometer ins Landesinnern verlegt. Dadurch sind über 420 Hektar neuer Puffer für das Elbe Hochwasser entstanden. Zum einen sind neue Flussauen für Pflanzen- und Tierarten entstanden und ganz nebenbei eine Erholungsregion für Gäste. Ich habe gestaunt, wie schnell sich die Natur regeneriert, wenn Auenwälder wieder vernässt werden. Hier kann man Kanufahrten unternehmen, Rad fahren und Naturbeobachtungen machen, uva. Die Region liegt am sog. »Grünen Band«, dies war früher die innerdeutsche Zonengrenze. Heute ist dieser Bereich ein Naturrefugium. Dieses Projekt ist nur ein kleiner Anfang. Es braucht viele neu angelegte Auwälder, damit die Hochwassergefahr an der Elbe endgültig gebannt ist. Ich habe erfahren, dass die Kosten hierfür enorm sind. Jedoch seien sie immer noch geringer, als die zu erwartenden volkswirtschaftlichen Schäden durch Hochwasser.

      Liebe Grüße Andreas

  2. Ich finde das Zitat gut – weil es stimmt: „Alles was gegen die Natur ist, hat auf Dauer keinen Bestand“. So ist es. Auch wenn der Mensch denkt, er weiß es immer besser.

    • Hallo Antje,

      danke für Deinen Kommentar. In der Natur ist alles miteinander vernetzt. Die Natur ist ein selbstregulierendes System, die Vernetzung aller Organismen und Abläufe funktioniert. Nicht nur im Hochwasserschutz auch in der Bionik und in vielen anderen Bereichen kann die Natur ein Vorbild sein. Gruß Andreas

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