Laaser Marmor vor dem Wiener Parlamentsgebäude.

Südtirol: Vinschgau – Laaser Marmor

Fasziniert betrachte ich die Skulpturen des Wiener Pallas-Athene-Brunnens, die die vier großen Flüsse der ehemaligen österreichischen Monarchie darstellen. Einzigartig schimmert und glitzert dieser weiße Marmor in der Sonne. Der Pallas-Athene-Brunnen vor dem Parlament wurde zwischen 1898 und 1902 erbaut. Theophil Hansen, der Architekt des Parlaments, legte die Gestaltung des Brunnens genau fest. Allegorisch stellen die vier liegenden Figuren die wichtigen Flüsse der Monarchie dar. Der Fluß Inn als Mann (l.) und die Donau als Frau (r.), Elbe und Moldau sind dahinter. Diese Figuren schuf der Bildhauer Hugo Härdtl. Darüber stellen die Frauenfiguren die gesetzgebende und die vollziehende Gewalt dar. Überragt wird alles von der Göttin der Weisheit, Pallas Athene. Woher kommt dieser edle Stein?

Begleiten Sie mich zum kleinen Dorf Laas, gelegen an der alten Römerstraße „Via Claudia Augusta“ im Südtiroler Obervinschgau. Dort wird dieser Marmor seit Jahrhunderten aus dem Jennberg gebrochen und in die ganze Welt geliefert. Früher waren Kaiser und Könige die wichtigsten Kunden. Sie beauftragten Künstler, Skulpturen und Reliefs zu gestalten, um so ihrer Macht die passende Ästhetik zu verleihen.

Begehrter Stein

Wegen seiner Qualität und des edlen Aussehens ist der Laaser Marmor sehr begehrt. Er ist das weiße Gold des Vinschgaus. Anstelle von Kaisern und Königen zählen heute arabische Scheichs zu den wichtigen Kunden. Moscheen und Paläste werden mit Laaser Marmor verkleidet. In Amerika und Europa sind es vor allem Finanz- und Bankhäuser, die ihre Fassaden und Empfangshallen mit reinweißem Laaser Marmor gestalten.

Aus demselben Stein sind das Queen Victoria Denkmal vor dem Buckinghampalast, das Heinrich-Heine-Denkmal in New York und über 90 000 Grabkreuze für die im zweiten Weltkrieg gefallenen amerikanischen Soldaten. Die USA wollten hierfür den besten und reinsten Marmor der Welt.

Wir gehen durchs Werksgelände zwischen mannshohen Marmorblöcken in die Werkshalle. Hier werden gerade Fassadenfliesen für die New Yorker U-Bahn Station „Ground Zero“ hergerichtet. Der spanischen Stararchitekt Santiago Calatrava gestaltet sie mit weißem Laaser Marmor. Für den lukrativen und prestigeträchtigen Auftrag im Wert von 20 Millionen Dollar wird viel Sorgfalt aufgewendet.  Einzeln werden alle Fassadenplatten in der Halle ausgelegt. Die Grafitmusterungen werden aufeinander abgestimmt, damit ein harmonisches Gesamtbild entsteht.

Wer sich selbst ein Denkmal setzen will, kann einen kunstvollen Grabstein vom Laaser Steinmetzbetrieb Josef Mayr jun. anfertigen lassen. Dieser Grabstein übersteht alle Zeiten. Vielleicht fast so lange wie der steinzeitliche Menhir, der in der Kirche von Latsch zu bewundern ist. Das ist der beste Beweis für die Qualität und Beständigkeit des Laaser Marmors.

Aus der Tiefe des Urmeeres

Genau am Jennweinstock treten die horizontalen und vertikalen Gesteinsschichten des Marmors ans Tageslicht. Für den kleinen Ort Laas ist das ein  Geschenk der Natur, das vielen Bewohnern Arbeit und Wohlstand beschert. Zu Beginn der Führung sehen wir einen  Film. Der Laaser Marmor entstand vor über 180 Millionen Jahren in der Tiefe der Urmeere. Durch Druck und Wärmeeinwirkung veränderte sich die Kristallstruktur des Kalziumgesteins, die Entstehung des Marmors.

Marmorführung

Der planmäßige Abbau dieses Marmors, den man damals „Tiroler Marmor“ nannte, begann im 17. Jahrhundert. Den Durchbruch erzielte Laaser Marmor bei der Weltausstellung 1873 in Wien. Danach wurde dieser Stein als „Marke“ etabliert und von Architekten und Steinbildhauern bevorzugt verwendet.

Viele berühmte Persönlichkeiten sind mit dem Abbau des Laaser Marmors eng verbunden. Einer davon ist der Einheimische Josef Lechner (geb. 1851), auch „Marmorlechner“ genannt. Einer, der vom Hütebub zum Marmormillionär wurde und Innovationen ins Tal brachte.

Jetzt ist der Urenkel, Georg Lechner wieder zurück. Er hat die Lasa Marmo AG aus italienischer Hand übernommen und leitet die Firma seit November 2008.

Anfangs wurden mit archaischen Methoden und in Handarbeit tonnenschwere Marmorblöcke aus dem Berg herausgeschnitten. Der größte „Marmorbrocken“ wurde für das Graf Moltke Denkmal in Berlin gebraucht. Dieser Koloss wog sage und schreibe 80 Tonnen. Mir ist ein Rätsel, wie dieser Stein, erst mehr als 1000 Höhenmeter den Berg hinab und 1890 nach Berlin transportiert werden konnte.

Einen Aufschwung nahm Marmor ab 1929. Es wurde eine elektrisch betriebene Bahn gebaut. Heute noch werden mit ihr die großen Gesteinsblöcke bis zum Werksgelände befördert.

Von unten kann man bei gutem Wetter den Tagebau des Göflaner Marmorbruchs sehen. Die anderen Marmorbrüche sind im Jennwandmassiv und im Weisswasserbruch gelegen. Dort wird der Marmor  im Untertagebau in großen Kavernen abgebaut. Man schätzt insgesamt 30 Millionen Kubikmeter Marmorvorräte. Davon werden jährlich 2000 Kubikmeter abgebaut.

Heute schneiden große, moderne Diamantseilsägen Blöcke mit bis zu 800 Tonnen aus dem Berg. Diese Blöcke werden zunächst auf ein Schotterbett gekippt und in Portionen zu 3,20x 1,20x 1,40 m geteilt. Mittels der Marmorbahn und über den Schrägaufzug werden sie ins Tal befördert. Das ist die umweltschonendste Transportmöglichkeit in der Nationalparkregion Stilfserjoch. Darauf wird sehr geachtet.

Rundgang durch Laas

Ein kleiner Rundgang durch den Ort Laas macht dem Namen alle Ehre.  „Laas“ kommt aus dem Keltischen und bedeutet soviel wie „glitzernder, schimmernder Stein“. Wir gehen auf blütenweißem Laaser Marmorpflaster durch das Dorf und besichtigen die romanische Rundapsis der Kirche.

Entlang der „Via Claudia Augusta“, über den Reschen– und Fernpass, fahre ich zurück ins Allgäu. Mir wird bewusst, dass hier schon große Laaser Marmorblöcke mit Pferdefuhrwerken transportiert wurden.  Zeugnis davon geben die vier lebensgroßen Heiligenfiguren (Benedikt, Scholastika, Columban und Gallus) am Hochaltar der Magnuskapelle in Füssen.


Südtirol, Vinschgauer Apfel
Foto © Andreas RiedmillerSüdtirol, Vinschgauer Apfel – frisch vom Baum.

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Anfang August findet alljährlich das Laaser Marmor –und Marillenfest statt. Die Gastronomen aus Laas zaubern kulinarische Spezialitäten aus heimischen, frisch vom Baum geernteten Marillen und anderen regionalen Produkten auf den Tisch. Am Freitagabend lädt Laas zu einer Festtafel unter freiem Himmel ein. Außerdem kann eine Woche lang international bekannten Steinbildhauern über die Schulter geschaut und ihrer Arbeit zugesehen werden. Geboten wird ein Markt, Kultur, Genuss und Erlebnis.


Laaser Marmor

2 Kommentare zu “Südtirol: Vinschgau – Laaser Marmor

  1. Hallo Andreas, ein sehr interessanter Bericht. Ich war schon so oft im Vinschgau, und Daniel hat ja in Laas das Steinbildhauen gelernt, aber zu einer Führung hats bei mir noch nicht gereicht. Brauch ich jetzt ja auch nicht mehr, ich kann alles bei dir nachlesen. Danke! Gruß Guenter

    • Guenter, ich empfehle dir trotzdem eine Marmorführung mitzumachen. Es ist interessant, was ich dort alles über den Laaser Marmor und die umliegende Region erfahren konnte. Im Sommer ist das Marmor- und Marillenfest in Laas angesagt. Künstlern kannst du bei der Arbeit über die Schulter zuschauen und daneben auch das besondere Produkt der Region, die Marille, in fester und flüssiger Form verkosten. Vielleicht treffen wir uns dort.

      Andreas

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