Besuch der Gefangeneninsel Goli otok

Kroatien: Besuch der Insel Goli otok

Der erste Schritt auf Goli otok war für viele Strafgefangene der Anfang vom Ende. Jugoslawiens Vergangenheit zeigt sich deutlich in den verlassenen Gebäuden von Titos ehemaligem Straflager. Der Zufall und die Neugierde führen mich auf diese Insel. Beim ersten Betreten empfinde ich Beklemmung. Doch ich bin frei und habe die Gewissheit, dass ich diese Gefängnisinsel wieder verlassen kann.

Besuch der ehemaligen Gefangeneninsel Goli otok
Foto © Andreas Riedmiller Besuch der ehemaligen Gefangeneninsel Goli otok
Besuch der ehemaligen Gefangeneninsel Gold Potok an der dalmatinischen Küste.
Foto © Andreas Riedmiller Besuch der ehemaligen Gefangeneninsel Goli otok an der dalmatinischen Küste.

Goli otok heißt «nackte Insel«

Sie misst 4,53 Quadratkilometer und liegt in der Kvarnerbucht, südlich von Krk vor dem Velebitgebirge. Ein Fischerboot bringt täglich einige Touristen dort hin. Wir fahren an langen, flachen Inselgruppen der dalmatinischen Küste vorbei. Der Bootsrumpf klatscht auf die Wellen der aufgewühlten Adria, Salzwasser spritzt übers Deck. Wir verziehenen uns in die Kajüte. Bald erreichen wir Goli otok. Aus den Felsen der Insel ragen Wachtürme und verlassene Gebäude. Obwohl Touristen vom Festland zum Baden an die menschenleeren Strände kommen, ist mir klar, hier ist keine Ferieninsel.

Titos Straflager

Das 1948 errichtete Straflager war Staatsgefängnis und »Umerziehungslager«. Die Insel war für Außenstehende ein bewachtes Sperrgebiet und bis 1989 nicht zugänglich. Die meist politischen Gefangenen brachte man mit Eisenbahnwaggons und auf Viehwagen hierher. An Beinen und Händen gefesselt kamen sie nach Goli otok. Von Aufsehern beschimpft, geschlagen und gefoltert war das Straflager für die Gefangenen eine Höllenqual. Eine Flucht von der bewachten Insel war aussichtslos. Zwischen 18 000 und 30 000 Personen wurden festgehalten, mussten in Steinbrüchen und Handwerksbetrieben  Zwangsarbeit leisten. Man spricht von 4000 Menschen, die hier durch Ermordung, Erschöpfung oder Krankheiten umgekommen sind. Nach dem Ende des Straflagers sind 1989 alle Unterlagen vernichtet und die Verwaltungsräume geplündert worden.

Unseliger Platz

»Lost Places« sind ein beliebtes Fotothema. Dieser ehemaligen Gefängnisinsel wollte ich mich achtsam annähern. Ich bin sicher, dass Orte ein Gedächtnis und eine spezielle Aura haben, die man fühlen kann. Mit der Kamera wandere ich über die steinigen Pfade und durch die verlassenen Gebäude des ehemaligen Straflagers. Auf meinen Reisen durch Frankreich, Slowenien und Italien bin ich öfter per Zufall an Plätze gekommen, wo Kriegsereignisse stattfanden. Meist sind diese Stätten als Mahnmal hergerichtet und Erinnerungstafeln sind zur Information angebracht. Manchmal zeugen verlassene Ruinen oder Dörfer vom vergangenen Weltkrieg. Einheimische geben interessierten Besuchern meist Auskunft über die Geschichte dahinter. Doch hier in Goli otok fand ich wenig Informationen. Einheimische reden bis heute nicht gern über diese Vergangenheit.

Als »Alcatraz« oder »Titos Hawaii« wird diese Insel verniedlicht bezeichnet. Heute tummeln sich Schafe in ehemaligen Wachtürmen und Gefängniszellen. Ich zögerte lange, die Bilder zu präsentieren, denn ich bin gekommen, um die »heitere Seite« Kroatiens zu zeigen. Diesen Ort in Erinnerung zu behalten ist für mich auch von Relevanz.

Goli otok
Goli otok

Die Rückfahrt ans Festland macht mich nachdenklich. Ein Blick in die dunkle Vergangenheit Europas hilft, Meinungsfreiheit und Demokratie zu schätzen. Wir dürfen wählen, genießen Frieden, Demokratie, Weltoffenheit. Soviel ist klar, Hass und Intoleranz dürfen keine Zukunft haben.


 


 

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