Heiner Geißler – Sapere aude: Wage zu denken

Warum wir eine neue Aufklärung brauchen

Der ehemalige Generalsekretär der CDU ist bekannt für seine klaren Ansagen. Er ist eine Ausnahme als politischer Querdenker. In seinem Buch „Sapere aude! Warum wir eine neue Aufklärung brauchen?“ hadert Dr. Heiner Geißler heftig mit der Staatsführung. Er stellt kühne Forderungen, besteht auf Antworten und macht sich stark für eine Bürgerbeteiligung. Das aktuelle Buch des Bundesministers a.D. ist ein polemischer Appell, der Zündstoff für Diskussionen liefert und Widerspruch auslöst. Erstaunlich ist für viele die „dritte Karriere“ des Politikers. Der Verwandlungsprozess vom einstmaligen „Scharfmacher“ zum Aufklärer und Mitglied der globalisierungskritischen Gemeinschaft Attac.

Sapere aude! – Ein Aufruf im Geiste Immanuel Kants


heiner Geißler am Redepult Foto © Caro Fotoagentur / Stefan Trappe

Warum sind Bürger politikverdrossen, vertrauen weniger Menschen den großen politischen Parteien? Und warum wächst der gesellschaftliche Widerstand? Gibt es eine Krise der Demokratie? In seinem Buch zeigt Heiner Geißler Hintergründe auf und nennt demokratische Perspektiven als offene Diskursrepublik. Dabei bezieht er sich auf den Philosophen Immanuel Kant. „Mangel an Entschließung des Mutes“. Dieser Titel versteht sich als Anlehnung an Kants Essay aus dem Jahr 1784, zur Aufklärung und Definition der selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Der 160 Seiten umfassenden Streitschrift stellt Geißler seine Interpretation der unvollendeten Aufklärung voran, um sich in den nächsten Kapiteln mit den neuen Absolutismen zu befassen: dem ökonomischen, dem klerikalen und dem islamischen Absolutismus. Nach Ausführungen zur autoritären Politik sowie zum bürgerlichen Widerstand fordert Geißler „Aufklärung jetzt!“

Wage zu denken: Wege aus der Knechtschaft

Als unvollendet bezeichnet Heiner Geißler die Aufklärung, weil viele Bürger nach wie vor fremdbestimmt leben. Sämtliche Bereiche des Lebens inklusive der Menschenwürde werden von der Ökonomie diktiert. Der Mensch zählt nicht zuletzt durch die Agenda 2010 und Hartz IV in seiner Eigenschaft als Kostenfaktor. Die Auswüchse des Finanzkapitalismus bezeichnet er unverblümt als „kriminelle Machenschaften“ der „Finanzmafia“. Der 82-Jährige zeigt sich in seinen Forderungen alles andere als altersmild; er teilt aus: gegen die katholische Kirche, gegen die Geldgier, gegen den islamischen Fundamentalismus und gegen eine „Klientel-Politik“.

Heiner Geißler, war Mitglied des Jesuitenordens, studierte vier Jahre Philosophie und anschließend Rechtswissenschaften, er ist gläubiger Katholik und Mitglied der katholischen Kirche. Er bezeichnet den Vatikan als „letzte absolute Monarchie in Europa“. Die Herrschenden aus Politik, Finanzindustrie und Medien haben das Geld zur Verfügung, um das Denken der Menschen zu manipulieren. Sie sind seiner Ansicht nach Werkzeuge des Kapitalismus, indem sie das Wirtschaftssystem öffentlichkeitswirksam preisen.

Damit haben sie in der Vergangenheit ihren Beitrag geleistet, das kritische Bewusstsein zu trüben. „Millionen Menschen konnten betrogen werden“, schreibt Heiner Geißler. Der einzige Ausweg aus der Knechtschaft führt für Geißler über entschlossenes, mutiges bürgerschaftliches Engagement.

Er fordert eine neue Werteorientierung für eine Bürgergesellschaft, die sich traut nein zu sagen. Die sich traut, einer Führungselite zu widersprechen, die einseitig auf Maximierung des Profits blickt, die Humanität und Ästhetik kaum Beachtung schenkt.

Denken oder Wissen? „Sapere aude!“ in der Diskussion

Einige Kritiker werfen Geißler vor, Kant falsch zu zitieren. Kant forderte „Wage zu wissen“, nicht „Wage zu denken“. Zudem stoßen sich Leser an der verkürzten Wiedergabe von Sachverhalten.

Viele Leser sind positiv beeindruckt. Sie begreifen die Lektüre als undogmatische Anregung zur Diskussion, als Weckruf, Streitschrift und kluge Analyse. Als Aufruf, den eigenen Verstand zu nutzen und wichtige Entscheidungen über das eigene Leben nicht kampflos anderen zu überlassen. Laut Geißler ist es notwendig, sich zur Wehr zu setzen. Die Proteste gegen „Stuttgart 21“ haben gezeigt, dass Heiner Geißler als Schlichter eine wichtige Rolle zur Befriedung des Konfliktes gespielt hat. (GA)

 

Interview mit Dr. Heiner Geißler:



 

Vorankündigung:

Autorenlesung am Montag den 30.09.2013 –
Beginn: 19 Uhr 30 im Schlosssaal in Immenstadt / Marienplatz.

Dr. Heiner Geißler spricht im Schlosssaal: ‚Sapere aude! Warum wir eine neue Aufklärung brauchen‘

Heiner Geißler liest Ende September im Allgäuer Literaturhaus aus seinem im Ullstein Verlag erschienenen Buch „Sapere aude!“. Wie bei allen seinen Vorträgen wird er in Immenstadt Klartext sprechen, was erfahrungsgemäß polarisiert. Ein spannender Abend im Schlosssaal mit Denkanstößen eines hellwachen Aufklärers und Polemikers, der keine Diskussion scheut, sondern Rede und Antwort steht.

Allgäuer Literaturhaus in Immenstadt 

> Andreas Altmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.