Via Mala Schlucht. Am 01. Juni 1781 kam Goethe vorbei und hat die Schlucht gezeichnet.

Graubünden: Viamala – Alpentransit und einzigartiges Naturmonument

Silbern schimmern Schieferplatten, Steine poltern. Mit Starkregen und tosenden Wasserfällen zeigt die Natur ihre Energie. Der Wanderweg durch die Viamala sowie Teile der alten Passstraße sind durch Bergrutsche verschüttet. Las Vejas Malas (romanisch: Die schlechten Wege) machen ihrem Namen alle Ehre. »Wir leben in den Bergen, da ist das Leben beschwerlicher, als es ohnehin ist«, meint Stephan, unser Guide. Die Wandertour von Zillis nach Thusis über die spektakulären Hängebrücken fällt heute aus. Wir fahren mit dem Postbus zum Viamala Infocenter, von dort führt der sicherste Pfad in die Schlucht.

Silbern schimmern Schieferplatten
Viamala – silbern schimmern Schieferplatten

Berühmter Besucher der Viamala.

Am 01. Juni 1788 kam Johann Wolfgang von Goethe, von seiner Italienreise zurück. Zunächst fertigte er Zeichnungen an, später schrieb er ein Gedicht über die Via Mala. »Der Weg über den Splügen ist unbeschreiblich schön, die Via Mala ist der schauerlichste Felsenpaß in der ganzen Schweiz.«

Die kürzeste Verbindung von Süddeutschland nach Genua führt durch die Viamala und den San Bernardinotunnel. Oft bin ich diese Strecke nach Süden gefahren, nie hatte ich mir Zeit für die Viamala genommen. Wie sich jetzt zeigt, habe ich ein spannendes Erlebnis versäumt. Die Viamala macht die Geschichte des Alpentransits sichtbar. Reisende früherer Zeiten waren vielen Naturgefahren ausgesetzt. In dieser sagenumwobenen Schlucht sehe ich, wie Menschen immer bessere Brücken und Straßen bauten.

Die Viamala ist einzigartig.

»Der Besucher sollte sich ohne Ablenkung Zeit lassen, um ein Gespür für diese archaische Naturszenerie zu entwickeln,« meint Stephan. Treppenstufen führen mich im Zickzack in die Tiefe. Vor einer Brücke biegt der Weg in eine Felsgalerie mit Wasservorhängen. Wasser rauscht vorbei, der Pfad in Stein gehauen ist eng und nass. Unten führt ein kurzer Tunnel zu einer Aussichtplattform. Oben schwingen sich elegant zwei steinerne Bogenbrücken über die Tiefe. Schluffiges Wasser strömt nach dem Gesetz der Schwerkraft talwärts und zwängt sich wild schäumend durch Felsen und Strudeltöpfe. Ich fühle mich an diesem Platz klein und den Naturgewalten ausgeliefert.

Theodor Fontane (1819-1898) schrieb: »Ich hätte nicht geglaubt, dass nach allem, was ich in meinem Leben gesehen habe, ich noch so mächtig von Dingen dieser Art bewegt werden könnte«.

Stephan öffnet mir die Augen: »Schau, der Ausblick von der Wildener Brücke ist wie in ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch. Du kannst darin die Entstehung der Viamala herauslesen. Vor 30 000 Jahren lag hier ein Eispanzer. Ein Eiszeitgletscher zwängte sich durch die Enge und hat nach dem Abschmelzen eine Schlucht hinterlassen. Gletscherschliffe an Felsen sowie Gletschermühlen im Flussbett zeugen heute noch davon. Der Hinterrhein hat sich die letzten 10 000 Jahre immer tiefer ins weiche Schiefergestein gefressen.«

Die Römer machten den Weg frei

Vor 2000 Jahren überquerten die Römer die Alpen und passierten dabei die Viamala. Sie wählten die direkte Route vom italienischen Chiavenna über den Splügenpass nach Norden und rückten bis Süddeutschland vor. Vermutlich schufteten Sklaven an der Passstraße, damit römische Legionäre ihre Eroberung fortsetzen konnten. Die Römer gründeten die ersten Städte, Bregantinum (Bregenz) und Cambodunum (Kempten). Im Museum von Zillis zeigen Zeichnungen überbaute Galerien sowie fragile Holzbrücken, die über die Schlucht des Hinterrheins führen. Später nutzten auch die Säumer mit ihren Packpferden diese Route.

»Step by Step« über die Alpen

Bauern aus Thusis sicherten sich damals von der Obrigkeit das Wegerecht. Sie gründeten eine Transportgenossenschaft, sogenannte Porten. Damit verpflichteten sie sich, für den Bau und für die Erhaltung der Straße zu sorgen. Säumer verfrachteten Handelswaren zunächst nach Zillis und Andeer. Bis zu 400 Saumpferde waren zwischen Thusis und Chiavenna täglich im Einsatz. Auf ihrem Rücken trugen sie Gewürze, Wein, Damaststoffe sowie Seide. Um den Transport nach Italien logistisch zu organisieren, war eine dreisprachige Kommunikation nötig. Die Handelswaren gelangten von den italienischen Häfen bis in den süddeutschen Raum oder umgekehrt. Der Gütertransport über die Berge brachte den Talbewohnern jahrhundertelang ein florierendes Einkommen.

Brückenbauer

Christian Wildener baute 1738 – 1739 die erste Bogenbrücke über die Schlucht. Gegen den Willen der Säumer entstand eine kutschenfähig befahrbare Straße, die durch die Viamalaschlucht und weiter über den San Bernardinopass führt. Später machte Giulio Poccibelli ein Angebot für den Straßenneubau zwischen Bellinzona und Chur. Nach fünfjähriger Bauzeit konnten auf dieser Strecke Pferdekutschen wie auch Postautos fahren. Als die Wildener Brücke dem Verkehr nicht mehr gewachsen war, wurde daneben eine neue Brücke gebaut. Weitere Verbesserungen der Straße folgten von 1935 – 1938.

Der Gotthardtunnel brachte die Wende

Der 1882 eröffnete Gotthardtunnel änderte die Transitrouten über die Alpen. Personen und Handelswaren rollten mit der Eisenbahn bequem durch den Berg. Die Viamala verlor an Bedeutung und Säumer wurden arbeitslos. In Hotels entlang der Passstraßen blieben die Gäste aus. Das führte nicht nur in der Schamser Bevölkerung zu Not und Entbehrung. Viele Einwohner zogen während dieser Zeit in die Fremde. »Als Trostpflaster bekamen sie von ihren Gemeinden Reisegeld mit auf den Weg«, erklärte Stephan. Jetzt verstehe ich, wie sich das Verkehrswesen im Laufe der Zeit veränderte und welche Bedeutung dies für die Region um Thusis hatte.

Mit Speed durch den Berg

Seit 1967 zieht der Verkehr in Richtung Süden durch Tunnels an der Viamala vorbei. Ein Unglück im Jahre 2006 kostete neun Menschen das Leben. Bei einer Volksabstimmung entschieden die Schweizer den Bau von Rettungstunnels. »Von diesem Zeitpunkt an muss jeder größere Tunnel mit einem parallel laufenden Rettungstunnel nachgerüstet werden«, erzählt Stephan. Bis heute wird versucht, Straßen und Tunnels sicherer zu machen.

Jahrhundertbauwerk – Neubau des Albulatunnel II

 

Baustellenführerin der Rhätischen Bahn – Maja Nyffenegger erzählt.

Über Viadukte und Kehrschleifen fahren wir nach Preda wo Maja Nüffenegger auf uns wartet. Sie zeigt uns eine spezielle Baustelle der Rhätische Bahn. In echtem Schweizerdeutsch erklärt sie und lacht dabei: »Ich gehöre seit 35 Jahren zur Verwandtschaft der Rhätischen Bahn. Ich habe einen Eisenbahner geheiratet, der hatte die glorreiche Idee, er möchte hier an vorderster Front für die Rhätische Bahn die Koordination der Baustelle machen. Somit ist die Rhätische Bahn unser tägliches Gesprächsthema am Mittagstisch. Da habe ich mir gedacht, das kann ich auf meinen Baustellenführungen gebrauchen. Ihr bekommt also die allerneuesten Informationen von mir«.

Maja Nyffenegger Baustellenführerin der Rhätischen Bahn
Maja Nyffenegger Baustellenführerin der Rhätischen Bahn.

 

Nach über hundert Jahren ist der alte Albulatunnel (erbaut 1898-1903) sanierungsbedürftig. Da für eine Sanierung des alten Tunnels die Kosten zu hoch sind wurde in einer Volksabstimmung entschieden, dass ein neuer Tunnel gebaut wird. Die bestehende Tunnelröhre soll als Rettungsstollen genutzt werden.

Die Tunnelbauer fürchten sich am meisten vor Wassereinbruch und losem Gestein. Um dies zu prüfen, baute man von der bestehenden Tunnelröhre alle 450 Meter sogenannte Kavernen. Am dritten Querstollen ist ersichtlich, dass poröses Gestein und Wasser auf die Mineure wartet. Maja meint: »Hier kommt man nicht einfach durch. Eine sichere Lösung musste entwickelt werden«.

Maja: »Lösungen gesucht – Lösung gefunden«

Mit Kühlaggregaten gelang es den Berg einzufrieren. Das poröse, wasserhaltige Gestein wurde fest. Die Mineure konnten die 60 Meter lange Störzone sicher ausbrechen und fertigstellen.

Die Baustelle liegt im Naturpark Ela. Ferner gehört die Rhätische Bahn seit Juli 2008 zum UNESCO Weltkulturerbe. Die Baumeister müssen deswegen hohe Auflagen einhalten. Man hört keinen Lärm, es bestehen kaum Staubemissionen, da alle offenen Stellen abgedichtet sind. Sogar die Förderbänder sind überdacht, damit die Staubentwicklung reduziert wird. Nach Fertigstellung muss der Eingangsbereich im Naturpark genauso beschaffen sein, wie er vor dem Bau bestand.

Gute Verbindung – der Schweizer Postbus hält was er verspricht.

 

Der Postbus fährt im Ein- oder Zweistundentakt in fast jeden Winkel der Schweiz.
Bald hundert Jahre in Betrieb – Lalülala….. Der Postbus fährt im Ein- oder Zweistundentakt in fast jeden Winkel der Schweiz.

Seit 2016 gibt es Fahrtziel Natur Graubünden

Als Schwester von »Fahrtziel Natur Deutschland« setzt sich »Fahrtziel Natur Graubünden« ebenfalls für sanfteren Tourismus und nachhaltige Mobilität in der Schweiz ein. »Fahrtziel Natur Graubünden« ist das Netzwerk der Schweizer Pärke, des Verkehrs-Club, des Bündner Vogelschutz, der Rhätischen Bahn sowie mit Postauto Graubünden.

Mobilitätsangebote für Wanderer und Naturparkbesucher

Mit dem DB-Bus fahre ich in knapp zwei Stunden von Memmingen nach Chur. Weiter geht es mit dem  Graubündenpass. Ich habe damit freie Fahrt im ganzen Kanton. Für Wildbeobachtungen in den Schweizer Naturparken gibt es spezielle ÖV-Angebote. Der Gast zahlt hierbei nur die Anfahrt, die Rückfahrt ist kostenlos. Des Weiteren gibt es günstige ÖV Angebote für Biker und Weitwanderer sowie für deren Gepäcktransport. Das Postauto fährt in alle Naturparke Graubündens. Die Schweiz hat das dichteste Verkehrsnetz der Welt. Sogar kleinste Weiler mit nur wenigen Einwohnern, wie Werdenstein, werden mindestens im Zweistundentakt bedient. Für die letzte Meile in die Naturparks ist der Busalpin zuständig. Wanderer ersparen sich dadurch  mühsame Anstiegswege in die Graubündner Naturparke.

Graubündens Naturparke:

Capuns-factory in Zilles – Andreetta Schwarz vom Gasthaus Alte Post.

Andreetta Schwarz vom Gasthaus Alte Post in Zillis ist bekannt für ausgezeichnete Capuns.
Andreetta Schwarz vom Gasthaus Alte Post in Zillis ist bekannt für ihre ausgezeichneten Capuns.
Capuns - Mangoldwickel im HotelPost Zillis
Capuns – Mangoldwickel

Capuns-factory in Zillis

Die erste Pferdewechselstation nach der Viamala war früher vermutlich die Alte Post in Zillis. Damals kamen vollbepackte, schwitzende Rösser und durstige Säumer vorbei. Heute sind es eher hungrige Wanderer, die auf der Via Spluga unterwegs sind. Oder es kommen Biker, die sich noch stärken, bevor es weiter Richtung San Bernardino geht.

Bekannt ist Andreetta Schwarz vom Gasthof Post für ihre Capuns. Beim Schweizer Wettbewerb für Regionalprodukte gewann Andreetta dafür Silber- und Goldmedaillen. Empfehlenswert ist die »Bündner Trilogie«, bestehend aus Capuns, Pizokels und Maluns. Dazu gibt es Apfelmus und würzigen Alpkäse zum Dessert.

Zillis – die romanische Bilderdecke in St. Martin ist weltberühmt.

Die Kirche St. Martin in Zillis mit ihrer einzigartigen Holzbilderdecke aus dem 12. Jahrhundert ist eines der bedeutendsten Kulturgüter Graubündens.
Die Kirche St. Martin in Zillis mit ihrer einzigartigen Holzbilderdecke aus dem 12. Jahrhundert ist eines der bedeutendsten Kulturgütern der Schweiz. Copyright Stiftung Kirchendecke Zillis
Die Kirche St. Martin in Zillis. Im inneren befindet sich die weltberühmte, romanische Holzdecke aus dem 12. Jahrhundert. 153 quadratische Holztafeln zeigen das mittelalterliche Weltbild und mystische Fabelwesen.
Die Kirche St. Martin in Zillis. Im inneren befindet sich die weltberühmte, romanische Holzdecke aus dem 12. Jahrhundert. 153 quadratische Holztafeln zeigen das mittelalterliche Weltbild und mystische Fabelwesen.

St. Martin in Zillis

Unbedingt sollten Sie die Kirche St. Martin in Zillis besuchen. Sie ist weltberühmt wegen der 153 hölzernen Tafeln an der Kirchendecke. Die Darstellungen erzählen vom Leben Jesu und geben Einblick in die Lebens- und Phantasiewelt des Mittelalters. Die Stiftung „Kirchendecke Zillis“ sorgt für den Erhalt und für die Renovierung dieses wertvollen Kulturgutes. Die Ausstellung zur Kirchendecke im Museum ist interessant. Das Museum befindet sich direkt am Postplatz in Zillis.

Das Besucherzentrum Viamala ist mit dem Postauto von Thusis oder Zillis erreichbar. Es ist von April bis Oktober geöffnet.



Dank an Fahrtziel Natur. Die Kooperation mit BUND, NABU, VCD und der Deutschen Bahn, setzt sich für nachhaltig orientierten Tourismus in Naturregionen ein. Seit 2016 sind Schweizer Pärke Teil dieser Familie. Diese Organisation kann ich empfehlen und ich unterstütze sie gern.

2 Kommentare zu “Graubünden: Viamala – Alpentransit und einzigartiges Naturmonument

  1. Joachim Mohr

    Tolle Fotos einer sehr sehenswerten Region. Ist immer eine Reise wert, zu jeder Jahreszeit ein Erlebnis.
    Danke an Fahrtziel Natur Schweiz für die vielen bleibenden Eindrücke und dem Erzähler und Fotografen für die Bilder und Texte. Grüße aus dem sonnigen Franken Land

    • Danke für Deinen Kommentar. Für die Via Mala Schlucht war ein Regentag genau passend. Schön, dass »Fahrtziel Natur« jetzt auch in Graubünden gibt. Die Schweiz ist Weltmeister im öffentlichen Verkehr. Es ist schon komfortabel wie einfach man hier mit Bahn und Bus in jeden Winkel kommt. Die Graubündner Naturparke sind jetzt für alle gut und umweltfreundlich erreichbar. Schön fand ich auch den Busalpin, der uns bequem zur Alp Flix gefahren hat. Die Steinböcke im Naturpark Beverin warten? Oder der Park Ela mit seinen Bergwiesen und dann gibt es noch die geologisch interessante Tektonikarena. Den Schweizer Nationalpark, Val Müstair mit viel Kultur und Geschichte und den Park Adula. Mal sehen, wo es mich bald hintreibt?

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