Mit der...in die Antarktis

Antarktis: Fotograf Gerd Heidorn

In der Antarktis, eiskalt baden ging Gerd Heidorn. Der Fotograf, beschreibt hier in einem Gastartikel ein dramatisches Erlebnis, während seiner Rock & Ice Expedition in die Antarktis…

Auf dem Friedhof der Eisberge

Hier wird es passieren, auf dem Friedhof der Eisberge. Die See ist ruhig zwischen den kalten Giganten, die klaglos auf Grund gelaufen sind, angeschwemmt von einer launigen Meeresströmung. Ihre Fahrt ging nicht hinaus in die Weiten des Ozeans, nein, ihr letzter Hafen ist eine Bucht in der Antarktischen Halbinsel. Der erfahrene Skipper nimmt an, dass ein angeschwemmter Eisberg stabil läge und sich nicht drehen würde. Manchmal, aber es scheint recht selten vorzukommen, kann an solch einem Koloss etwas abbrechen, oder er gerät einfach aus dem Gleichgewicht und dreht sich spontan. Für unser Vorhaben, auf solch ein Ungetüm zu klettern, sind die vermeintlichen Nichtdreher, die Kontakt zum Meeresboden haben, besser geeignet.

Wir suchen einen Eisberg

Mit dem kleinen Schlauchboot unserer Yacht St. Maria, die in sicherer Entfernung beigedreht hat, machen wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Objekt, fotogen und kletterbar. Bei dem Überangebot an Farben und Formen fällt es uns schwer, den richtigen Turm zu finden. Eine Pyramide aus Eis, die sich ebenmäßig aus dem trüben Wasser erhebt, fällt uns auf. Plum, eigentlich Jürgen Knappe, unser Mann für´s Steile, legt seine Steigeisen an. Das macht er sehr vorsichtig, um die empfindliche Gummihaut unseres Zodiac nicht zu beschädigen. Auf einer Holzplanke stehend spreizt er hinüber, schlägt seine Eisgeräte hinein und gelangt trockenen Fußes, ohne uns zu versenken, auf den Eisberg.

Rock & Ice Expeditiion in die Antarktis
Foto: Gerd Heidorn Rock & Ice Expeditiion in die Antarktis

Aktion mit schönen Fotos

Von gegenüber bietet sich ein spannendes Bild, wie Plum bis kurz unter die Spitze der Pyramide hochklettert. Auch Hans-Martin Goetz, der das Geschehen filmt, ist zufrieden. Plum traut sich nicht ganz auf die Spitze, obwohl es noch ein schönes Motiv wäre. Er fürchtet, dass der obere Teil abbrechen könnte. Selbst durch gutes Zureden lässt er sich nicht dazu hinreißen, ein vorsichtiger Mensch aber trotzdem eine gelungene Aktion mit schönen Fotos.

Eiskalt baden gegangen

Mir schwebt noch ein zweites Motiv vor: Eine senkrechte Eiswand, die direkt aus dem Meer aufragt. Unser Akteur, der sehr behutsam ins Boot zurück steigt, achtsam nur auf die Planke tretend, kann sich für meinen Vorschlagt erwärmen. Und wir finden ganz in der Nähe die ideale Wand, glatt, steil, hoch, wie gegossen. Die ästhetischen Ansprüche sind befriedigt, aber wie ist die Qualität des Eises? Wir gehen längsseits und Plum haut sein Eisgerät kraftvoll hinein, so dass harte Splitter zur Seite spritzen. Beim zweiten, noch kräftigeren Schlag, dringt die Spitze tief hinein. „Wumm!“, macht es, ein dumpfer Ton dringt an mein Ohr, satt, angenehm. Was meine Augen dagegen sehen, verheißt nichts Gutes: Ein Riss zieht sich plötzlich quer durch die Wand. Der untere Teil des Eisberges, eine riesige Scholle, bricht ab und die Eismassen stürzen ins schäumende Wasser. Die erste große Welle schlägt gegen unser Zodiac, wirft es beinahe um. Dann kommt die zweite, noch höher und erbarmungsloser, und katapultiert mich im hohen Bogen aus dem Boot. Mit Daumenjacke, dicken Stiefeln, Kamera, Objektiven lande ich zwischen Eisbrocken im Südpolarmeer, ob -1˚C oder -2˚C ist jetzt irrelevant. Die Kleidung saugt sich voll, das Gewicht zieht mich nach unten. Ich ringe nach Luft, will auftauchen, dem Licht entgegen! Unter Wasser ist alles voller Eisbrocken, ich muss nach oben, paddle mit den Armen. Mir gelingt es, zwischen den Schollen hindurch die Oberfläche zu erreichen. Aber wo ist das Boot? Da, ganz in der Nähe, der dunkle Schatten, dass muss es sein. Rainer steht darin, unser erfahrener Bootsmann, er ist nicht über Bord gegangen, wohl nach dem alten Seebären-Motto: Eine Hand für´s Boot und eine Hand für den Mann. Und das ist auch unser Glück, denn er zieht alle, bis auf einen, hinein in den rettenden Zodiac. Nur Plum, mit seinen spitzen Steigeisen muss draußen bleiben, darf nur halb hinein, damit eine weitere Havarie vermieden wird. So hängt er mit seinen nassen Klamotten, die Füße in Wasser, frierend auf dem Gummiwulst.

Der Schrecken lässt nach

Die Yacht Santa Maria ist nicht weit entfernt und in ein paar Minuten steigen wir an Bord. In trockener Kleidung wird uns bald wieder warm, und ich hänge die durchnässte Kameraausrüstung an den Ofen, um den Salzwasserschaden zu begrenzen (sinnlos, nicht reparierbar). Der Schrecken des Eises und des kalten Wassers fällt von mir ab, bis auf einen kleinen Rest. Ganz überwunden, wie ich anfangs glaubte, hatte ich das Erlebte wohl nicht. Tief in meinen Bewusstsein ist eine Restangst versteckt, die sich manchmal beim Schwimmen zeigt, eine starke Abneigung gegen kaltes Wasser.

Für mich ist es ein Erlebnis, abseits der Zivilisation unterwegs zu sein. Gute Vorbereitung ist unerlässlich. Im Notfall muss jeder wissen, was zu tun ist.

von Gastautor © Gerd Heidorn 2013


Gerd Heidorn Seekarte der Drake Passage
Foto © Gerd Heidorn Original-Seekarte

Seekarte

Originalseekarte mit eingezeichneter Fahrtroute der Segelyacht „Santa Maria“. Die Fahrt dauerte eine Woche, von der Hafenstadt Ushuaia, durch den Beagle Kanal, 600 Seemeilen über die Drake Passage, bis zur Antarktis.



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