Esskastanie im Tessin

Schweiz: Tessin – Kulturlandschaft der Esskastanie

Nur der Mensch kann sie retten“, sagt Marco Conedera vom eidgenössischen Forschungsinstitut WSL in Bellinzona. „Ohne den Menschen kann sie heute nicht mehr überleben, das ist sicher“, meint auch Carlo Scheggia, Förster vom Gebiet Malcantone. Alteingesessene und bodenständige Baumarten, insbesondere Birken, drängen sich zwischen die Esskastanien und nehmen ihnen den Lebensraum. Die Landschaft verändert sich. Wer als Tessin-Reisender auf die umliegenden Hänge sieht, ahnt nicht, welches Drama sich unter dem Blätterdach der Bergwälder abspielt. Vorgänge im Ökosystem der Kastanienselven befinden sich im Wandel. Damit verändert sich der Charakter der Landschaft. Grüne Wiesen und Auen verschwinden. Die Landschaft verbuscht und die Wildnis ist häufig bis an die Dörfer gerückt.

Die Kulturlandschaft der Esskastanie veränderte sich langsam.

Marco zeigt auf die weiten Hänge des Tales um Bellinzona und erklärt: „Hier waren einst Wiesen und Weiden für das Vieh. Der Mensch hat für Kulturpflanzen Steinmauern und Bergterrassen angelegt“. Über die damaligen Verkehrswege war es kaum möglich, genug Lebensmittel für die wachsende Bevölkerung herzubringen. Deshalb wurden die Nahrungsmittel selbst angebaut, die Esskastanie diente Jahrhunderte als Lebensgrundlage für Mensch und Tier. Sie wurde in ertragreichen Sorten und Varianten gezüchtet und vermehrt. Um genug Ertrag zu bekommen, braucht sie Licht und Platz um sich herum. Aus diesem Grund wurde die Esskastanie häufig um Siedlungen, an Grundstücksgrenzen in weiträumigem Abstand kultiviert. Kastanienselven sehen wie Parks aus. Um den unerwünschten Bewuchs kurz zu halten, weiden Schafe oder Ziegen. Über Jahrhunderte entwickelte sich ein eng verflochtenes System von nachhaltiger Nutzung. Wir bezeichnen dies heute als Kulturlandschaft.

Die Verbuschung der Kastanienselven ist kaum mehr aufzuhalten

Angebot: Kalender 2019

Fotokalender Tessiner Alpen - Hochlandrind

 

Wer heute durch verlassene Kastanienselven wandert, sieht die Zeichen der Vergangenheit. Die Bergterrassen mit Trockensteinmauern sind heute größtenteils verbuscht. Aus der Landschaft kann man lesen, wie frühere Generationen gelebt und das Land bewirtschaftet haben. Lange Zeit hat die Kastanie die Menschen ernährt. Doch seit 70 bis 80 Jahren werden die Selven nicht mehr genutzt. Die Arbeit im Kastanienwald gilt oft als altmodisch und rückständig. Im Tessin sind heute fast alle Kastanienselven verwildert.

Die Esskastanie brauchen Licht und Luft um sich herum

Forschungen des WSL belegen: Viele Pflanzen- und Tierarten sind an freie Flächen zwischen den Bäumen gebunden. Die freigelegten Kastanienselven bieten Fauna und Flora neuen Lebensraum. Wenn sich Blütenpflanzen ansiedeln, kommen Insekten. Sie stehen am Beginn der Nahrungskette. Dies bedeutet Futtergrundlage für Vögel und Kleintiere. Die Fledermaus findet freie Flächen zur Jagd. Die alten Baumrecken bieten Löcher und Höhlen als Unterkunft für Eulen, Spechte, Siebenschläfer und Haselmäuse. Am Baumfuß leben Dachse und Rotfüchse in ihrem Bau. Rekultivierte Kastanienselven eröffnen erfreuliche Perspektiven für angrenzende Bergdörfer. Die Landschaft ist ein willkommenes Wandergebiet für Gäste.

Fotoimpressionen der Esskastanie – Castanea sativa

Wie Bergnomaden zogen die Bauern dem wachsenden Gras nach

Die Bauern mussten mit der Ressource „Land“ sehr vorsichtig umgehen. Sie zogen mit dem Vieh, dem Vegetationsfortschritt des Jahres entsprechend, vom Tal in die Höhe. Von einem „Maiensäss“ zum anderen, immer höher und höher ging es den Berg hinauf. Die Erklärung zu diesem schönen Namen: Im Frühling, also im und um den Mai herum, zog oft der ganze Bauernhof hinauf auf den Maiensitz. Nicht nur ein Senn oder die Sennerin, nein, der ganze Hof. Im Herbst zog man wieder herunter, oft in mehreren Etappen. Im Alpengebiet heißt es meist Almwirtschaft oder Sömmerung. Die Wissenschaftler nennen es, etwas komplizierter, „vertikale Transhumanz“. Was ist gemeint? Der Mensch sucht für sich und das Vieh einen anderen Boden (humus), geht hinüber (trans) zu einem anderen Ort, in diesem Fall nicht über weite Strecken auf einer Ebene, sondern den Berg hinauf oder wieder hinunter (vertikal). Diese Nutzung der Kulturlandschaft war Lebensgrundlage und sicherte die Existenz vieler Generationen bis fast in die Neuzeit.

Die Esskastanie hatte lange Zeit ein Imageproblem

Lange Zeit hat die Pflege der Esskastanie die Menschen ernährt. Doch die Bevölkerung wuchs und es wuchsen Not und Armut. Viele Bewohner wanderten aus. Im Roman „Nicht Anfang und nicht Ende“, schildert Plinio Martini, aus dem Val Bavona, sehr eindrucksvoll, die Not während der Weltwirtschaftskrise. Die vielen Birken, die heute zwischen den verbuschten Kastanienselven herausgeschnitten werden, weisen genau dieses Alter auf: Seit ca. 60 bis 80 Jahren wurden die Selven nicht mehr genutzt. Wer heute durch die verlassenen Kastanienselven in der Umgebung der Maiensässe wandert, sieht sie noch gut, die Zeichen der vergangenen Kulturlandschaft. Wie in einem offenen Buch kann man die Geschichte lesen, wie frühere Generationen mir der Esskastanie gelebt und das Land bewirtschaftet haben.

Die Kultur der Esskastanie wurde in letzter Zeit oft assoziiert mit Not und Armut. Sie hat ein eher negatives Image bekommen. Die Menschen haben sich von ihr abgewandt. Die Arbeit im Kastanienwald galt als altmodisch und rückständig. Im Tessin sind heute fast alle Edelkastanienselven verwildert.

Damit hat sich der Charakter der Landschaft völlig verändert. Grüne Wiesen und Auen sind größtenteils verschwunden. In manchen Gegenden des Tessin, wie um Indemini herum, kehrte der Wald zurück und umzingelt heute auch viele andere Orte des Tales. Auch im Gebiet Malcantone sind fast alle Kastanienselven verwildert. Die Wildnis ist bis nahe an die Dörfer gerückt.

Die freie Landschaft wächst zu. Fundamentalisten unter den Ökologen sagen: „Lasst einfach die Wildnis zurückkehren! Das ist auch Natur“.

Die Attraktivität der Esskastanie steigt

Forschungen des WSL belegen: Viele Pflanzen- und Tierarten sind gebunden an freie Flächen zwischen den Bäumen. Die Artenvielfalt steigt in gepflegten und rekultivierten Kastanienselven stark an. Wenn sich Blütenpflanzen dazwischen ansiedeln, kommen Insekten dazu. Das bedeutet Futtergrundlage für viele Vögel und Kleintiere. Die Fledermaus kommt zurück, weil sie Freiraum zur Jagd braucht, der Halsbandschnäpper braucht die freie Fläche dazwischen. Die alten Baumrecken bieten viele Löcher und Höhlen als Unterkunft für den Uhu und andere Eulen, Spechte, Siebenschläfer, Haselmäuse. Am Baumfuß finden Dachse und Rotfüchse ihren Bau. Die rekultuvierten Kastanienselven bieten Fauna und Flora neuen Entfaltungsraum. Eine ernste Gefahr für die Esskastanie, ist die im Jahr 2007 eingeschleppte Edelkastanien-Gallwespe (Dryocosmus kuriphillus). Diese Schadinsekten befallen die gesamte Baumkrone und verbreiten sich immer mehr im Tessin.

Esskastanienselven als Wanderregion

Rekultivierte Kastanienselven bieten gute Perspektiven für die angrenzenden Bergdörfer. Diese Landschaftsform ist ein herrliches Wandergebiet für Gäste des Tessins. Der Förster des Malcantonegebietes, Carlo Scheggia, hat den „Sentiero del Castagno“, den Kastanienwanderweg angelegt. Nach und nach sollen entlang des Wanderweges die Kastanienselven freigestellt werden. Der Weg wird dadurch noch viel attraktiver. Zivildienstleistende übernehmen hier im Auftrag der Forstverwaltung das Ausholzen und Entbuschen der Esskastanie.

Nachhaltige Entwicklung

Die Selven werden erst vom Forst freigelegt und dann an die Landwirte zur weiteren Bewirtschaftung übergeben. Es wird immer nur so viel Selvenfläche zurückgeholt, wie sie auch tatsächlich nachhaltig von der Landwirtschaft bewirtschaftet werden kann.

Dabei spielen Schafe eine wichtige Rolle. Sie halten den Bewuchs dazwischen kurz. Sie fressen nicht so aggressiv an Sträuchern und Bäumen wie die Ziegen. Immer öfter sieht man auch Schottische Hochlandrinder in den Selven weiden. Die Rückgewinnung von Kulturlandschaft wird vom Kanton bezuschusst. Pro Hektar kann ein Landwirt bis zu 3000 Franken vom Staat bekommen. Für viele eine große Hilfe, oft sogar eine neue Existenzgrundlage!

Monika Bürgin vom Albergo San Michele unterstützt die Produzenten auf ihre Weise: Sie bietet ihren Gästen die Maroni als Köstlichkeit regionaler Küche an. Es gibt Gutes vom ganz einfachen Gericht bis zum „verwöhnten Magen“, so steht es in ihrem Prospekt.

Dafür hat sie eine Auszeichnung von Schweiztourismus bekommen. Monika wünscht sich eine sanfte Entwicklung des Tourismus. Gerade so viel, dass hier die ortsansässigen Betriebe ein besseres Auskommen haben.

Für Monika Bürgin hat der Wald hinter ihrem Hause auch eine wichtige Schutzfunktion. Der dichte Wald bis hinauf zur Spitze des Monte Ferrario schützt ihr Albergo San Michele vor Unwetterschäden. Im dichtbelaubten Zustand bleibt viel Regenwasser im Laubwerk hängen. Erst nach und nach fließt es ab. Die Pfahlwurzeln der Esskastanien festigen den Humus am Hang und schützen vor Murenabgängen.

Zukunft der Esskastanie

Wir wissen nicht, welche Überraschungen uns der Klimawandel noch bringen wird.

Das ist auch ein gewichtiger Grund, die Esskastanie besser zu erforschen und zu schützen. Widerstandsfähige und ertragreiche Sorten dürfen nicht verloren gehen. Sie können wieder einspringen, wenn wir sie benötigen. Vielleicht brauchen wir dann in unseren Gegenden wärmeliebende Baumarten, die unsere Fichtenmonokulturen ablösen können.

Dies sind Argumente für Rationalisten. Für Menschen, die einen besonders wichtigen oder „profitablen“ Grund brauchen, um die Esskastanie zu schützen.

Die Esskastanie ist eine der faszinierendsten Baumarten, die wir haben. Bäume sind Sinnbilder des Lebens. Sie zählen zu den ältesten, größten und wichtigsten Lebewesen unserer Erde. Sie sprechen den Menschen emotional an.

Das Tessiner Bergdorf Indemini ist von Esskastanie umgeben
Foto © Andreas Riedmiller Indemini ist von Esskastanienwäldern umgeben
m Dachstuhl Tessiner Häuser tragen Balken aus Esskastanie die schweren Granitplatten.
Foto © Andreas Riedmiller Im Dachstuhl Tessiner Häuser tragen Esskastanienbalken schwere Granitplatten
Indemini ist von Esskastanie umgeben
Foto © Andreas Riedmiller Indemini von Wald eingewachsen
IndeminiIm Bavonatal
Foto © Andreas Riedmiller Rustikal eingedeckter Tisch
alte Esskastanie bei Indemini
Foto © Andreas Riedmiller Esskastanie bei IndeminiAlte

Hermann Hesse

„Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner, starker Baum.“ Schrieb Herrmann Hesse, der im Tessin gelebt hat. Er hatte sicher auch die Kastanie vor seinem Auge, als er diese Worte schrieb. Wer alleine und still vor einer der riesenhaften, monumentalen Esskastanie des Tessins steht, kann ahnen, was uns Herrmann Hesse mit diesen Zeilen mitteilen wollte.

Für mich steht außer Zweifel, dass die uns umgebende Natur beseelt ist. Man kann es überall spüren. Wenn man in einem lichten Esskastanienwald wandert oder einer riesigen Esskastanie nahe kommt, ist es besonders intensiv. Wer ihr Aufmerksamkeit entgegenbringt, sich selber und ihm Zeit schenkt, kann die Aura dieser wunderbaren Bäume auch körperlich spüren.

Die Kultur der Esskastanie ist keine nostalgische Naturromantik. Sie ist sinnvoll und nützlich. Sie hat Potential für die Zukunft. Die alten, vergessenen Kastaniensorten brauchen wir dringend. Wir sollten die Esskastanie wiederbeleben und ihr den angemessenen Stellenwert in der Kulturlandschaft des Tessin wieder geben.

Die Esskastanie ist Baum des Jahres 2018

 

Diese Beiträge könnten Dich interessieren:

> Meine Reportage über Esskastanien im DAV Panorama

> ADAC Reisemagazin

> Schwarzwald – wandern auf dem Westweg

> Wanderung auf dem Lechweg


Blog Streuobstwiese

 


 

 

  1. Peter Scharfenberger

    Danke Andreas Riedmiller für diesen wunderbaren Blick in die Esskastanienkultur dort im Tessin. Wäre mal interessant heraus zu finden ob es Vergleichbares im Pfälzer Wald/Deutschland gibt .

    • Danke für Deinen Kommentar. Weiß nicht ob es dort viele Esskastanienbäume gibt. Bestimmt gibt es große Streuobstwiesen. Das sind ebenfalls wichtige Biotope für die Artenvielfalt in unsere Kulturlandschaft. Viele Arten sind auf Freiflächen und Wiesen zwischen Bäumen und Wäldern spezialisiert. In einer Fichten Monokultur und eintönigen Agrarlandschaften können wenige Tier- und Pflanzenarten überleben. Wissenschaftler vom WSL haben in Esskastanienhainen geforscht und festgestellt, dass in den Freiflächen der Kastanienhaine besonders viele Arten heimisch sind.

  2. Schöner Beitrag. Ich freue mich auf unsere Ausstellung und vielleicht auf einen künftigen Beitrag über das Bergell. Elena

    • Hallo Elena,

      ich freu mich nach so langer Zeit wieder einmal im Bergell ins Bergell zu fahren. Mir gefällt es dort auch gut, wenn alle Hotels geschlossen und die Besucher weg sind. Diese Stimmung passt am besten zu Soglio und den anderen Dörfern, finde ich. Ich hoffe, dass die Prints bald kommen und ich starten kann. Ideen für Blogbeiträge hätte ich auch im Gepäck.

      Viele Grüße Andreas

  3. Elena Giacometti

    Schöner Beitrag. Ich freue mich auf unsere Ausstellung und vielleicht auf einen künftigen Beitrag über das Bergell

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.