Die Arbeit im Kastanienwald ist kaum gewinnbringend. Sie wird von den Sogliesi dennoch verrichtet, weil es ein Jahrhunderte altes Erbe ist und die Kastanie zur Landschaft des Bergells gehört.

Graubünden: Die Esskastanie im Bergell

Auf der Suche nach der Esskastanie reise ich 1986 zum ersten Mal in das Bergell. Die engen Gassen, die mit Granitsteinen bedeckten Hausdächer der bildschönen Bergdörfer faszinieren mich. Ich schaue mir Vicosoprano, Casaccia und Stampa an und beziehe Quartier in Bondo. Hier bleibe ich einige Tage, um den Esskastanienwald zu erkunden und die ersehnten Motive zu suchen. Das ursprüngliche Bergell löst bei mir Begeisterung aus. Zunächst wandere ich von Bondo nach Castasegna und dann weiter nach Soglio hinauf. Gleich oberhalb vom italienischen Grenzort Castasegna befindet sich das Gebiet mit dem Namen „Brentan“. Hier finde ich die ersten prächtigen Esskastanien. Auf halbem Weg nach Soglio durchwandere ich die „Piazza“, eine Ebene mit weiteren Kastanienselven, wie diese Parklandschaft mit Esskastanienbäumen und Wiesen dazwischen genannt wird. Hinter den bis zu 20 Meter hohen Esskastanien ragen die 3300 Meter hohen Granitspitzen des Scioratales in den blauen Himmel. Wilde Natur und die von Menschenhand geprägte Kulturlandschaft liegen im Bergell auf engstem Raum beieinander. Damit die Kastanienselven nicht verwildern, werden sie von den Soliesi bewirtschaftet und gepflegt.

Die Esskastanie – einst „Brot der Armen“

 

Die Römer brachten die Esskastanie mit in das Bergell

Die Esskastanie (Castanea sativa) ist ein Nussbaum, der ursprünglich aus Kleinasien und dem Kaukasus stammt. Von hier aus verbreitete sich die Esskastanie zunächst im Mittelmeerraum. Die Römer brachten sie aus dem Süden mit in das Bergell, als sie über den nahegelegenen Septimerpass nach Norden zogen. Die Esskastanie wird als „Brot der Armen“ bezeichnet. Lange bevor es in Europa Kartoffeln und Mais gab, war die Esskastanie wichtiges Grundnahrungsmittel. Getrocknete Kastanien verarbeitete man zu Mehl und buk daraus Brot oder man verfütterte die eiweißreiche Esskastanie den Tieren. Auf diese Weise wurde die Esskastanie in Notzeiten für viele zum Lebensretter.

Jede Jahreszeit hat im Bergell ihre Reize

Im Juni sind die Esskastanien überladen mit Blüten. Wie auf einer Perlenschnur sind die hellgelben Blüten aufgereiht und biegen sich über lanzenförmige Blätter. Während der Blütezeit schweben über dem Bergell süßliche Duftwolken. Insekten und Bienen torkeln wie betrunken von Blüte zu Blüte. Wenige Wochen später schwillt der Fruchtknoten an und es bildet sich eine grüne, stachelige Kupula, die wie ein Seeigel aussieht. Die Esskastanie schützt mit diesen Stacheln ihre Früchte vor Tierfraß. Im Sommer lerne ich Nino Coretti beim Mähen und Entbuschen der Selven kennen. Im Oktober treffe ich Nino wieder. Ihn darf ich begleiten, denn zu dieser Zeit sind er und die anderen Sogliesi mit der Ernte der Esskastanie im Bergell beschäftigt.

Im Herbst ist das Bergell am schönsten

Die goldbraun gewordenen Blätter der Esskastanie leuchten im Gegenlicht vor den schattigen Berghängen. Nino Coretti weiht mich in die Tradition der Kastanienernte ein und erklärt, welche Beschwerlichkeit die Pflege und Kultur der Esskastanie mit sich bringt. Die Arbeit in den Kastanienselven ist anstrengend und kaum gewinnbringend. Sie wird von den Einheimischen dennoch verrichtet, weil es ein Jahrhunderte altes Erbe ist und die Esskastanie untrennbar zur Landschaft des Bergell gehört.

Die Ernte der Esskastanie ist Handarbeit

Ab Oktober fallen die Kastanienfrüchte in der stacheligen Kupula vom Baum. Wenn es ein feuchtes Jahr war, dann bricht die Kupula von selbst auf. Nach trockenen und heißen Sommern müssen die Kastanien jedoch von Hand aus der stacheligen Hülle befreit werden. Mehrere Wochen werden die Kastanien in Handarbeit gesammelt und mit der Gerlo (Rückentrage) zu einer Dörrhütte gebracht. Ich beobachte Arno Giovannoli, wie er mit dem Holzrechen die Esskastanie wendet, damit sie gleichmäßig trocknen. Das Feuer unter dem Rost darf nicht ausgehen und die Hitze wird Tag und Nacht kontrolliert.

Sie wird gesammelt, über dem Feuer gedörrt und hernach geschält

Nach einigen Wochen sind die Esskastanien gedörrt und die Sogliesi versammeln sich im Wald. Die getrockneten Früchte werden in lange Jutesäcke gepackt und mit rhythmischen Schlägen solange auf einen Holzstock geschlagen, bis sich die spröde Schale vom harten Kern trennt. Von weitem ist ein dumpfes Schlagen aus dem Wald zu hören. Das „Kastanienschlagen“ ist Tradition im Bergell und jeder weiß, was zu tun ist. Nino Coretti erklärt: „Wenn die Esskastanie anfängt zu singen, dann ist sie fertig!“ Danach werden die Früchte in einen muschelförmigen Korb namens „van“ gegeben. Frauen stoßen den Korb mit kurzen Bewegungen solange geschickt in die Höhe, bis der Wind die Spreu weggeblasen hat und nur die Kerne der Esskastanie im Korb liegen. Die Spreu wird aufgehoben und im Winter zum Anfeuern genutzt. Nichts von der Esskastanie geht verloren oder wird verschwendet.

Mirinda im Wald

Die Esskastanie hält die Dorfgemeinschaft zusammen. Die Kastanienernte im Bergell ist ein Ritual, das jedes Jahr derselben Choreografie folgt: Esskastanien sammeln, dörren, schälen und zum Abschluss eine Mirinda im Wald. Zur Mirinda wird eine Tafel aufgebaut und Bergeller Spezialitäten aufgetischt. Die Einheimischen sprechen im Dialekt „Bargajot“ und meine Verständigung gelingt nur nonverbal. Es fällt mir leicht, diese Szenen dokumentarisch zu erfassen, da die Sogliesi echt und authentisch sind und niemals für ein Foto posieren. Genau das finde ich sympathisch.

Die Esskastanie ist ein Element der Bergeller Kulturlandschaft

Fotografieren ist für mich jedesmal eine Entdeckungsreise und bedeutet neue Dinge zu lernen. Oft sind es flüchtige Momente, die es nie wieder geben wird. Das macht Fotografie für mich so faszinierend. Ich versuche, authentische Bilder zu machen.  Mein Ziel ist, beim Betrachter der Bilder eine Emotion zu wecken.

Frau Salis bei der Ernte der Esskastanie in Soglio
Foto © Andreas Riedmiller Frau Salis bei der Ernte der Esskastanie in Soglio
Esskasatnie-Bergell_Renzo Maroli
Foto © Andreas Riedmiller Soglio -Renzo Maroli

Fotoausstellung:

Nach 20 Jahren kehren meine Bilder an den Ort ihrer Entstehung zurück. Elena Giacometti hat mich wieder gefunden und zu dieser Fotoausstellung eingeladen. Die Bilder zeigen die Sogliesi bei der Kastanienernte und bei einer Mirinda im Wald. Einige Motive sind damals in Geo, Natur und im DAV-Panorama veröffentlicht worden. Die Fotoausstellung »Die Kastanie – das Brot der Armen« gestaltet vom Verein La Streccia kann den ganzen Oktober besucht werden.Während der Kastanienwochen öffnen Elena und Ugo Giacometti ihr historisches Gebäude in Soglio zur Besichtigung. Beide sind in Soglio aufgewachsen und zeigen wie die Sogliesi früher lebten und arbeiteten. Einwohnern und Gästen bringen sie die Identität des Dorfes und der umliegenden Region nahe. Weitere Informationen hier: https://www.lastreccia.ch/deutsch/aktuell/

Kastanienfestival:

Erleben Sie im Bergell den goldenen Herbst von seiner schönsten Seite. Während der Kastanienwochen von 29. September bis 21. Oktober gibt es im Bergell Führungen im Kastanienwald, Vorträge und Themenwanderungen rund um die Esskastanie sowie gastronomische Events und Produkte. Im Programm des Kastanienfestivals steht alles weitere. https://www.bregaglia.ch/de/kastanienfestival


Junge aus Soglio im Bergell

Tipp:
Die Esskastanie des Bergell wird von den Einheimischen das ganze Jahr gehegt und gepflegt. Es ist nicht erlaubt, die Früchte in den Kastanienselven aufzulesen. Bitte haben Sie dafür Verständnis.

2 Kommentare zu “Graubünden: Die Esskastanie im Bergell

  1. Elena Giacometti

    Wir freuen uns dich bald wieder zu sehen!

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