Sagenhafte Blautopfquelle

Baden – Württemberg: Blaubeuren – auf den Spuren der Eiszeitjäger

Die Höhlen der Jurafelsen rund um Blaubeuren gewährten den Eiszeitmenschen Unterschlupf und zeitweise Behausung. Als Jäger und Sammler lebten sie von der umgebenden Natur. Die Blautopfquelle bot ganzjährig frisches, temperiertes Trinkwasser. Hatte diese Karstquelle spirituelle Bedeutung? Wir wissen es heute nicht. Der Eiszeitjägerpfad führt an Höhlen und Schauplätzen dieser Zeit vorbei.

„Küssende Sau“ am Eiszeitjägerpfad

Felsenbrücke
Foto © Andreas Riedmiller Felsenbrücke „Küssende Sau“ am Eiszeitjägerpfad.

Jagdlager der Eiszeitmenschen

Der Wegweiser am Bahnhof gibt die Richtung für die 10 Kilometer lange Wanderrunde vor. Ich steige über Treppenstufen die Weilerhalde hoch, wandere auf einem Forstweg weiter, bis ein Schild den Pfad zur Brillenhöhle anzeigt. Hier wartet Johannes Wiedmann M.A. Er ist Mitarbeiter und Archäologe des Urgeschichtlichen Museums. Johannes öffnet den vergitterten Zugang, damit wir in die Kuppelhöhle kommen. Die weiträumige Brillenhöhle wurde von Menschen der Steinzeit als Jagdlager und als Winterquartier genutzt. Zwei große Durchbrüche in der Decke, angeordnet wie eine Brille, geben den Blick zu Baumkronen und in den blauen Himmel frei. »An manchen Tagen kommen Lichtstrahlen herein und lassen eine mystische Atmosphäre entstehen. An einer Feuerstelle fanden Archäologen menschliche Skelettreste. Die gefundenen Knochenreste lassen Kannibalismus vermuten. Heute spricht man eher von einer Sekundärbestattung. Genaueres weiß man nicht«, sagt Wiedmann. Daneben tauchten in der Brillenhöhle Knochen von Höhlenbären, von Mammuts, Wildpferden, Wildrindern, von Rentieren, Wolf und Fuchs auf. Ferner steinzeitliche Werkzeuge und Schmuckstücke aus Knochenmaterial, Feuerstein und Elfenbein. Die eiszeitlichen Funde aus den umliegenden Höhlen werden im Urgeschichtlichen Museum in Glasvitrinen präsentiert.

Felsenlabyrinth und Fabelwesen

Von der Brillenhöhle aus führt der Weg leicht bergab zum »Felsenlabyrinth«. Wild zerklüftete Jurafelsen ragen über die höchsten Buchenwipfel. Vor mir eine Wandergruppe, die mit dem Smartphone beschäftigt ist und nach dem richtigen Weg sucht. Dabei übersehen sie die Attraktionen der Umgebung. Viele phantasieanregende Felsformationen, die an Tierfiguren und Fabelwesen erinnern, stehen hier. Mehrere Pfade führen rund um die Felsgruppe. Ich steige abseits des Wanderweges ins Gestrüpp und fotografiere die verrückte Felsbrücke »Küssende Sau« von allen Seiten. Ein Vater mit zwei Kindern macht derweil an der Sonnenseite eine Brotzeitpause und schaut mir zu. Der weitere Pfad zwängt sich durch eine Felsspalte, bald danach erreiche ich die Albhochebene. Hier war in der Eiszeit eine Steppentundra mit wenig Bewaldung. Es wuchsen Kiefern, Erlen, Haselsträucher, Kräuter, die Krähenbeere und auch Zwergbirken. Die Eiszeitmenschen ernährten sich hauptsächlich mit Fleisch vom Wild. Als bevorzugte Beute jagten sie Wildpferde, Rentiere und Bären. Auf dem Speiseplan stand auch Knochenmark, Fisch, Schmalz, und Fett, Wurzelgemüse, Obst, Nüsse, Honig sowie wilde Beeren.

Nach einer Rast wandere ich weiter zur mittelalterlichen Ruine Günzelburg. Ein letzter Mauerrest zeugt von dieser Burg. Bald erreiche ich den »Schneckenfels« beim Ortsteil Weiler. Nun kommt eine kurze Strecke durch eine Siedlung und ich muss die Landstraße B 492 queren, um auf die andere Talseite zu kommen.

Blaubeuren – Bildimpressionen vom Eiszeitjägerpfad und Felsensteig

Geißenklösterle

Vom Rastplatz an der großen, freistehenden Sommerlinde sind es nur wenige Meter bis zum »Geißenklösterle«. Hier fanden Tübinger Archäologen 2003 eine Flöte, geschnitzt aus Elfenbein und weitere Flöten aus Vogelknochen. Sie gelten als echte Sensation, denn sie belegen, dass hier Homo sapiens bereits vor 40 000 Jahren Kunst und Kulturgegenstände herstellten. Die Archäologen fanden auch Schmuckanhänger und mehrere vollplastische Tierfiguren der damaligen Zeit. Das Geißenklösterle ist von außen gut einsehbar. Diese Höhle ist wie die anderen vergittert und kann nur an Aktionstagen (zum Beispiel am Tag der offenen Höhle am letzten Sonntag der Sommerferien Baden-Württembergs) besichtigt werden. Vom Geißenklösterle aus führt ein drei Kilometer langer Abstecher zum »Hohle Fels« im Achtal. Das ist der Fundort der »Venus vom Hohle Fels«.

Erlebniskoffer Höhlen und Eiszeitkunst: Das Landesamt für Denkmalpflege bietet Schulen Unterrichtsmaterialien für die Klassen drei bis sechs. Darin sindTipps für spannende Exkursionen in die Höhlen des neuen UNESCO Welterbes.

Fantastischer Ausblick vom Schillerstein

Die kürzere Variante zweigt links ab durch den lichten Buchenwald bis zum Gasthof Schillerstein. Nicht weit davon entfernt ist der »Schillerstein«, ein Denkmal, das an den 100. Todestag von Friedrich Schiller erinnert. Dieser Umweg lohnt sich, denn von hier aus bietet sich ein fantastischer Rundblick über die gesamte Region. Hufeisenförmig umrunden die Jurafelsen mit Mischwald bewachsen den kleinen Ort Blaubeuren. Es ist still. Ich schenke mir Zeit und stelle mir vor, wie die Landschaft damals aussah. In der Mitte von Blaubeuren ragt ein bewachsener Felsblock, der Ruckenberg in die Höhe. Einst stand er als freistehende Insel im Flusslauf der Donau. Das Urstromtal der Donau liegt allerdings mehr als 200 000 Jahre zurück (vor Beginn der Riss-Eiszeit). Als das Wasser der Donau ausblieb, übernahm die Blau das leere Flusstal. Der kleine Fluss entspringt im Blautopf und mündet bereits nach 20 Kilometern in die Donau.

Woher kamen die ersten Menschen?

Der Ursprung aller Steinzeitmenschen ist der ostafrikanische Graben. Von dort verbreiteten sie sich langsam über den vorderen Orient und den Balkan. Es dauerte viele Jahrtausende, bis sie das Gebiet der Schwäbischen Alb über den Lauf der  Donau erreichten. Die ersten Neandertaler kamen bereits vor 100 000 Jahren hier an. »Die Homo sapiens haben sie später abgelöst, weil ihre Art sich besser vermehren konnte«, sagt der Tübinger Archäologe Nicholas Conard. Der moderne Mensch lebt hier seit 40 000 Jahren, wie Kunstwerke aus Mammutelfenbein belegen.

Blaubeuren

Malerisches Städtchen Blaubeuren

Es wird Zeit, dass ich meine Träumereien beende und nach Blaubeuren absteige, denn ich will noch eine Runde durch Blaubeuren machen. Das Fachwerkstädtchen hat versteckte Winkel zum Entdecken und reichlich Fotomotive. Ich komme am ehemaligen Gerberviertel vorbei, das mir wie Kleinvenedig erscheint. Ein offener Stadtbach mit romantischen Ecken, kleinen Brücken, mit leuchtend roten Geranien am Geländer ziehen meine Aufmerksamkeit an. Im Spätherbst blühen noch Strauchrosen in verwilderten Vorgärten. Der weitere Weg führt zum ehemaligen Benediktinerkloster mit einem gotischen Kreuzgang und mit einer Brunnenkapelle. In der Klosterkirche thront ein spätgotischer Hochaltar. Diese Sehenswürdigkeiten bieten eine willkommene Dreingabe am Wegesrand. Mein Hauptziel ist jedoch der berühmte Blautopf.

Magischer Ort

Foto © Andreas Riedmiller

Geheimnisvolle Karstquelle

Der Blautopf ist ein mystischer Ort. Mörikes »Historie von der schönen Lau« erzählt, wie die Wassernixe am Blautopf das Lachen wieder lernte. …»Ihr Gemahl hatte sie in die Blautopfquelle verbannt, nachdem sie ihm aus lauter Traurigkeit nur tote Kinder gebahr. Erst wenn sie fünf Mal von Herzen lacht, sollte der Fluch von ihr weichen«... Die türkis schimmernden Blautöne der Karstquelle bieten Hobbyfotografen bezaubernde Bildmotive, die je nach Lichteinstrahlungswinkel, Tages- oder Jahreszeit anders erscheinen.

Im Einzugsgebiet der Karsthöhle versickert Regenwasser schnell. In jeder Sekunde kommen 2000 Liter aus dem Blautopf heraus, in Spitzentagen können es bis zu 32 000 Liter pro Sekunde werden. Der Schlund reicht 22 Meter in die Tiefe, dahinter verbirgt sich ein über 12 Kilometer langes, weitverzweigtes Höhlensystem mit Tropfsteingebilden und Hallen.

Der Höhlentaucher Andreas Kücha brachte für den Film „Dunkelblau“ einmalige Aufnahmen aus dieser Unterwelt mit. Er hat als Höhlenforscher Grenzen überschritten und neue Höhlenareale entdeckt. Kücha kennt das 12 000 Meter lange Höhlensystem wie kein anderer. Der Mörikedom ist 25 Meter breit, reicht bis zu 40 Meter in die Höhe und hat eine Länge von 95 Metern. »Das Kirchenschiff des Ulmer Münsters passt hinein«, erklärt mir ein anderer Höhlenforscher.

Höhlenforscher Andreas Kücha mit Unterwasserkamera.
Foto © Andreas Riedmiller Höhlenforscher Andreas Kücha mit Unterwasserkamera.

Konzentration vor dem Tauchgang

 

Mit faszinierenden Bildern zeigt Andreas Kücha Szenen, die beim Zuschauen eine Gänsehaut erzeugen: Höhlenforscher tauchen durch einen 1200 Meter langen Siphon, sie quetschen ihren Körper durch lehmige Felsspalten, sie überwinden reißende Wasserfälle und paddeln mit Gummibooten auf Seen. Die Hallen der Blauhöhle sind mit blütenweißen Tropfsteinsäulen, skurrilen Kalkkristallen und wellig gerippten Kalksinterterrassen versehen. Winzige Lebewesen, die ohne Tageslicht auskommen, haben in dieser Höhle noch ihren Lebensraum.

Tourismuschef Bernhard Rieger hat die Vision, die Blauhöhle in Zukunft mit modernsten digitalen Methoden für Jedermann virtuell „begehbar“ zu machen.

Höhlenforscher Andreas Kücha erklärt das Blauhöhlensystem im Urmu.
Foto © Andreas Riedmiller Höhlenforscher Andreas Kücha erklärt das Blauhöhlensystem im Urmu.

Mit dieser faszinierenden Filmdokumentation können Sie den Blautopf und die Blauhöhle viel besser verstehen. Der Film läuft im Urgeschichtlichen Museum täglich, alle 20 Minuten. Auf keinen Fall sollten Sie sich dieses Filmereignis entgehen lassen.

Meine Tipps:

UNESCO Weltkulturerbe Höhlen: Sirgenstein, Geißenklösterle und Hohle Fels sind im Achtal. Die Höhlen Bockstein und Hohlenstein-Stadel liegen im Lonetal. Die wichtigste Aufgabe des UNESCO Weltkulturerbes ist diese Höhlen und ihre Funde zu schützen und für zukünftige Generationen zu bewahren.

Fazit:

Im November gefällt mir die Alblandschaft mit ihren steilen Pfaden zwischen Felstürmen und lichten Buchenwäldern besonders gut. Im Anschluss an die Wanderung bietet sich ein Abstecher zum Blautopf und zum Urgeschichtlichen Museum an. Einzigartige Kunstwerke der vergangenen Eiszeit werden dort präsentiert. Die außergewöhnliche Filmdokumentation von Andreas Kücha zeigt die neueste Erforschung der Blauhöhle. Der Eiszeitjägerpfad bietet vieles für ein perfektes Familienwochenende. Der Wanderweg ist gut beschildert, problemlos zu finden und kinderleicht zu erklimmen. Ruinen, Höhlen und viele Schlupflöcher am Wegesrand sind ein Abenteuerspielplatz.

Anreise:

Vom Allgäu aus nehme ich den Zug nach Ulm. Von dort fährt täglich die Regionalbahn R3 in Richtung Sigmaringen.


Schwäbische Alb Blogs

Der Artikel wurde ermöglicht durch Einladung von Schwäbische Alb Tourismus und Blaubeuren Tourismus. Vielen Dank für die freundliche Unterstützung.

4 Kommentare zu “Baden – Württemberg: Blaubeuren – auf den Spuren der Eiszeitjäger

  1. Gudrun Mündler

    So wunderschön ist unsere schwäbische Alb, bleibt immer Heimat.

    • Der Eiszeitpfad, der Blautopf und das Urgeschichtlichen Museum sind eine lohnende Reise nach Blaubeuren. Diese Auszeichnungen hat die Schwäbische Alb: Biosphärenreservat, Geopark und UNESCO-Welterbe.

  2. Wunderbarer Bericht, wo Heimat und Ursprung zum Leben erwachen.

    • Danke für Deinen Kommentar. Ein neuer Blickwinkel auf altbekannte Landschaften kann interessant sein. Seit ich meine nähere Umgebung mit der Bahn und zu Fuß erkunde, habe ich Überraschungen erlebt. Aus der Perspektive der Eiszeitjäger erscheint mir die Region um Blaubeuren plötzlich in ganz anderem Licht. «Die wahren Entdeckungsreisen bestehen nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern dass man mit neuen Augen sieht.” Marcel Proust 1871 -1922 Gruß Andreas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.