Stadtführung mit Tamara Prinz, auf den Spuren von Christoph Martin Wieland.

Baden-Württemberg: Auf den Spuren von Christoph Martin Wieland

Wer kennt Wieland? Mir fällt nix ein. Wir sind ahnungslos und stumm. Keiner von uns kannte Wieland oder hat ihn gelesen. Tamara Prinz, unsere Stadtführerin von Biberach war sichtlich amüsiert und beruhigt uns zugleich.

„Er war zu seiner Zeit, im 18. Jahrhundert, der berühmteste Dichter Deutschlands!“

So erzählt sie uns voller Stolz, aber sie fügt hinzu: „Heute kennen ihn nur noch wenige. Seine Werke wurden in alle Weltsprachen übersetzt. Wieland (1733 – 1813) holte Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Gottfried Herder nach Weimar und zählt zu den Wegbereitern der Weimarer Klassik. Er machte die deutsche Sprache salonfähig, war bekanntester Bestsellerautor seiner Zeit und Übersetzer von Shakespeares Werken. Wieland war ein Genie. Viele bedeutende literarische Werke stammen von ihm.“ Tamara Prinz kennt seine Biographie, sie liebt seine Werke, schwärmt von ihm und macht uns richtig neugierig auf ihn…

Prächtige Bürger- und Patrizierhäuser

Wir gehen auf Wielands Spuren durch schmale Gassen vorbei an Fachwerkhäusern bis hinauf zum Weberberg. Der Biberacher Weberberg ist Teil der Deutschen Fachwerkstraße. Um 1500 stand das Weberhandwerk in voller Blüte und mehr als 500 Webstühle waren in Betrieb. Rund ein Viertel der Biberacher Bevölkerung lebte von der Bachantweberei. Prächtige Bürger- und Patrizierhäuser in der Stadt zeugen heute noch vom Wohlstand, den die Weber und andere Zünfte nach Biberach brachten.

Wir steigen runter zum Marktplatz, dem „Herz“ der Stadt. Es ist einer der schönsten Marktplätze Süddeutschlands. Und die gute Stube von Biberach! Mittendrinn steht ein stattlicher Brunnen mit Ritterfigur und Stadtwappen, das einen Biber auf blauem Grund zeigt.

Biberach an der Ruß: Christoph Martin Wieland
Foto © Andreas RiedmillerMarie Sophie von La Roche geb. Gutermann von Gutershofen (Geboren am 6. Dezember 1730 in Kaufbeuren; † 18. Februar 1807 in Offenbach am Main) war Hofdame und Gesellschafterin auf Schloss Warthausen bei Biberach. Sie gilt als die erste beruflich tätige Schriftstellerin in Deutschland und war Verlobte von Christoph Martin Wieland (l.). Christoph Martin Wieland – Ölgemälde von Georg Oswald im Wieland Museum(r.). Wieland (05.09.1733 – 20.02.1813) war Schriftsteller, Dichter, Übersetzer, Herausgeber und Erzieher.

Skulptur von Peter Lenk – (C.M.Wieland „Der Prozess um des Esels Schatten“)

Der Blick jedes Besuchers fällt zuerst auf das skurrile Esel-Denkmal von Peter Lenk. Die Sechs Meter hohe Skulptur aus Beton bildet den provokativen Kontrapunkt zum Marktplatz und den mittelalterlichen Fachwerkhäusern. Das ist vom Künstler und von den Initiatoren des Kunstwerks gewollt. Das Werk von Christoph Martin Wieland soll wieder allen ins Gedächtnis und in die heutige Zeit gebracht werden.

Die Vorderseite der Eselfigur zeigt ein großes Relief verschiedener bekannter und unbekannter Darstellungen von Menschen. Darunter ein Portrait von Helmut Kohl mit Hut und Briefkuvert, auch Angela Merkl ist dabei. Die Mitglieder des Klerus sind an ihrer Bischofsmütze zu erkennen, sie strecken dem staunenden Publikum ihre beleibte Hinterseite zu. Andere Portraits stellen lokale Persönlichkeiten der Stadt dar. Einheimische schmunzeln vielsagend. Der Kopf des Esels soll gar die Initiatorin des Kunstwerks, die CDU-Stadträtin Barbara Leuchten, zeigen. Vermutungen, wie unsere Stadtführerin meint. Der Künstler schweigt…

Das Denkmal thematisiert den satirischen Roman von Christoph Martin Wieland „Die Geschichte der Abderiten“ (1781). Dabei geht es um den Schatten des Esels und die vielen gerichtlichen Prozesse der antiken Stadt Abdera. Es geht um Schildbürgerstreiche, um kleinkarierte Bürokratie, um Zwietracht, Lobbyismus und Dummheit, die vorkommen soll, hier und dort. So soll das Denkmal verstanden werden als Plädoyer für mehr Bürgerfrieden und Gemeinnutz statt Eigennutz. Lenks Werk ist höchst aktuell, nicht nur in Biberach. Biberach ist überall!

Als dieses Denkmal am 3. Mai 2000 enthüllt wurde, ging ein Raunen durch die anwesenden Zuschauermenge. Die Biberacher waren schockiert und es gab heftige Diskussionen. Viele konnten mit der Eselfigur nichts anfangen und keine Verbindung zu Biberach und Wieland entdecken. Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt. Das Esel-Denkmal wurde zu einer vielbesuchten- und fotografierten Touristenattraktion der Stadt. Dieses Denkmal brachte mich zum Nachdenken aber ich habe mich köstlich amüsiert.

Auf Wielands Spuren

Das Geburtshaus von Wieland steht nicht weit vom Marktplatz entfernt. Tamara kennt Geschichten und Anekdoten aus seiner Jugendzeit, seine Liebschaften, auch die mit Marie Sophie de la Roche und die Konflikte aus seinem exzentrischen Privatleben. Bereits als Jugendlicher schrieb er in akkurater Handschrift Gedichte auf feinstem holländischen Papier. Als Wielands Mutter ihm später diese Eintragungen überreichte, sagte er: „Das sind ja meine Dichterwindeln“ – und verbrannte sie. Mit seinem Jugendwerk wollte er nichts mehr zu tun haben!

Am Rande eines kleinen Parks steht heute noch das kleine romantische Gartenhaus. Hier zog sich Wieland jeden Sommer in eine kleine Schreibstube zurück, um ungestört und ohne „Kindergeschrei“ zu schreiben. Darin ist ein kleines Museum, welches mit vielen Illustrationen seine Liebesaffären und Liebschaften zeigt. Dazu passend kann man heute Wielands Gartenhaus für romantische Hochzeitsfeiern mieten.

Wielands Museum

Die Christoph-Martin-Wieland-Stiftung ist Trägerin des Wieland Museums in Biberach und hält das Andenken in seiner Heimatsstadt lebendig. Das Anliegen des sehenswerten Museums ist vor allem junge Menschen an sein Werk heranzuführen und Verständnis für sein Denken und seine Wirkung zu fördern.

Der Biber ist Tier des Stadtwappens und Namensgeber von Biberach. Vor kurzer Zeit hat er wieder seinen ehemaligen Lebensraum an der Riß zurückerobert.
Foto © Andreas Riedmiller Der Biber ist Tier des Stadtwappens und Namensgeber von Biberach. Vor kurzer Zeit hat er wieder seinen ehemaligen Lebensraum an der Riß zurückerobert.

Meine Tipps:

  • Unbedingt eine Wieland – Stadtführung mitmachen
  • Versteckte Wielandgedichte finden
  • Geocaching: Auf den Spuren Wielands durch Biberach
  • Buch: „Der Sieg der Natur über die Schwärmerei oder die Abentheuer des Don Silvo von Rosalvo.“
  • Buch: Der Kampf um des Esels Schatten
  • Lernort Wielandmuseum – Wieland für Kinder

Buchempfehlung von Tamara Prinz:

Jeannine Meighörner -“Was ich als Frau dafür halte” Sophie von La Roche. Sophie von La Roche ist Deutschlands erste Schriftstellerin und war Herausgeberin der Frauenzeitschrift “Pomona”.

Wieland-Archiv Biberach
Christoph Martin Wieland-Stiftung Biberach
Zeppelinring 56
88400 Biberach

 


Stadtführerin Tamara Prinz
Foto © Andreas Riedmiller Stadtführerin Tamara Prinz
Biberach in Oberschwaben Skulpture von Peter Lenk
Foto © Andreas Riedmiller Skulptur von Peter Lenk

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Christoph Martin Wieland
Christoph Martin Wieland

Danke an Baden-Württemberg Tourismus für die Einladung und die gute Organisation. Danke auch an Frau Tamara Prinz für die interessante Stadtführung durch Biberach. Aktualisiert am 05.03.2016


8 Kommentare zu “Baden-Württemberg: Auf den Spuren von Christoph Martin Wieland

  1. Von Wieland hatte ich bisher auch noch nichts gehört. Aber es gibt mehrere solcher interessanter Leute 🙂 Im letzten Jahr stießen wir bei Recherchen in Schweinfurt z.B. auf Friedrich Rückert, Dichter und Sprachengenie! Es lohnt sich, nach solchen Persönlichkeiten zu suchen. Danke für Deinen Bericht, Andreas.

  2. Ah wunderbar, eine Begegnung mit Sophie von La Roche! Ich habe sie kennen gelernt aus Renate Feyl’s “Die profanen Stunden des Glücks”. Einfach großartig. Wieland kenne ich als ihren Gefährten. Eine interessante Zeit. Schön, dass Biberach uns Wieland und die große Sophie wieder ins Gedächtnis bringt!

    • Danke für deinen Kommentar. Stadtführern Tamara Prinz ist Fan von Marie Sophie von La Roche und Christoph Martin Wieland. Sie verstand es hervorragend Biberach, Christoph Martin Wieland und Sophie von La Roche, für uns erlebbar zu machen. Die Tour durch Biberach und durch Wielands Museen war klasse und ist sehr empfehlenswert. Buchbar ist eine Führung mit Tamara Prinz über die Touristinformation von Biberach.

  3. So ein kleines Gartenhaus zum Schreiben hätte ich auch gern.

    • Hallo Antje, danke für Deinen Kommentar. Wielands Gartenhäuschen in Biberach war sicher sehr inspirierend. Darin ist eine Dauerausstellung zum Thema „Christoph Martin Wieland” in Biberach. In diesem Häuschen fand er die Ruhe, um sich seinem literarischen Werk zu widmen. Heute sind in Wielands Gartenhaus Trauungen möglich, die das Biberach Standesamt vornimmt.

  4. Von Peter Lenk haben wir schon am Bodensee einiges gesehen, aber den C.M. Wieland haben erst durch dich hier kennen gelernt … oder in der Schule nicht aufgepaßt. 😉
    Danke und Grüße, Thomas und Silke.

    • Dank Euch beiden für den Kommentar. Der Künstler Peter Lenk zeigt in seinen Werken immer wieder von ihm empfundene Missstände. Seine Werke zeigen meist üppige Sexualität, die verwoben mit Politik und Katholizismus sind. Manchmal finden sich lokale Persönlichkeiten in seinen Skulpturen verewigt, was für die Betroffenen peinlich sein kann. Seine Werke stoßen nicht selten auf Kritik, weil sie provozieren und Tabus verletzen. Auf meinen Fahrten um den Bodensee bin ich seinen Skulpturen öfters begegnet. Am liebsten würde ich seinen Skulpturengarten in Bodman besuchen. Vielleicht klappt das ja mal.

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