Urmu - Urgeschichtliches Museum in Blaubeuren.

Baden-Württemberg: Eiszeitkunst im Urgeschichtlichen Museum

Gibt es Schöneres als eine Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen? Um zu sehen, wo unsere eigenen Wurzeln sind. Woher wir kommen und wie wir geworden sind, was wir heute sind. In den Schwäbischen Karsthöhlen, wo die Steinzeitmenschen lebten, aber auch in den umliegenden Museen in Tübingen, Stuttgart, Blaubeuren und Ulm sind die eiszeitlichen Funde im Original ausgestellt. Die ersten Besucher kommen aus Amerika und Japan. Sie haben von den aufsehenerregenden Ausgrabungen aus der Schwäbischen Alb in Fachpublikationen gelesen oder sahen Repliken im Smithsonian Institut und anderen Museen der Welt. Sie besuchen die eiszeitlichen Fundstellen und die Museen mit den einmaligen Ausstellungsstücken.

Kulturregion Schwäbische Alb

Die Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb ist noch wenig bekannt. Die archäologischen Funde sind einmalige Schätze von Weltrang. Mit der Venus vom Hohle Fels, dem Löwenmensch aus der Stadelhöhle und den eiszeitlichen Tierfiguren aus der Vogelherd-Höhle sind die ältesten bisher bekannten Zeugnisse menschlicher Kultur und Kunst entdeckt worden. Die Landschaft der Schwäbischen Alb ist wunderbar, der Wein und das Essen vorzüglich.

Professor J. Nicholas Conard, Inhaber des Lehrstuhls für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie an der Universität Tübingen.
Foto © Andreas RiedmillerProfessor J. Nicholas Conard, Inhaber des Lehrstuhls für Ältere Urgeschichte, Quartärökologie an der Universität Tübingen und wissenschaftlicher Direktor des Urgeschichtlichen Museums in Blaubeuren.

 

Zurück in die Steinzeit

Nicholas J. Conard stimmt uns auf den Besuch der Höhle ein. „Stellt euch die Zeit vor 35 – 40 000 Jahren vor. Ihr müsst alle Autos, Häuser und Bäume wegdenken. Früher war hier offenes, weites Grasland. Es wuchsen kleine Bäume, Zwergbirken und Weiden. Wenn ihr ins Tal schaut, war in der vorletzten Eiszeit hier der Lauf der Donau. In der schwäbischen Alb bildeten sich über Jahrhundertausende Karstquellen und Höhlen. Im Urdonautal fließt heute die Ach und die Blau. Diese Flüsse entspringen großen Quelltöpfen. In den Ebenen grasten Mammute, Pferde, Rentiere und  Wisente. Fleischfresser wie Löwen und Hyänen lebten hier. Die Höhlen waren bewohnt vom Höhlenbären, er war ein Drittel größer als der heutige Grizzly und erreichte eine Schulterhöhe von 1,50 Meter. Der Homo sapiens jagte Bären, bevorzugt, wenn sie im Winterschlaf in ihren Höhlen lagen. Sie lieferten ihm warmes Fell, Nahrung und Knochen für Werkzeuge.“

Hohle Fels

Die Alltags- und Verkehrsgeräusche sind verschwunden, als wir die Höhle betreten. Nur Kies knirscht unter unseren Sohlen. Die Luft fühlt sich kühl und feucht auf der Haut an. In der Höhlenhalle bittet uns Professor J. Nicholas Conard für einige Minuten ganz ruhig zu sein. Wassertropfen fallen, um uns ist Dunkelheit und Stille. Wir hören den Atem der anderen. Die Akustik ist perfekt. „Eiszeitmenschen haben hier musiziert. Die Höhle ist eine perfekte Bühne, um Geschichten zu erzählen, für Musik, Kunst und Gesang“, erläutert Nicholas J. Conard.

 

Urmu Urgeschichtliches Museum Blaubeuren. Wie war das Leben des Homo sapiens in der Eiszeit?
Foto © Andreas RiedmillerWie war das Leben des Homo sapiens und Neandertalers in der Eiszeit?
Urmu Neandertalerschädel
Foto © Andreas RiedmillerModerner Mensch – Homo sapiens.
Archäologe Johannes Wiedmann M.A.
Foto © Andreas RiedmillerJohannes Wiedmann M.A.führt Sie durch das Museum
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Foto © Andreas RiedmillerPferdeköpfchen aus Mammut-Elfenbein

 

Flöte aus Mammutelfenbein, gefunden im Geißenklösterle bei Blaubeeren. 38 000 Jahre alt.
Foto © Universität Tübingen Flöte aus Mammutelfenbein, gefunden im Geißenklösterle bei Blaubeuren. 38 000 Jahre alt.

 

Wer suchet der findet

In den 50 er Jahren durchsucht der Archäologe Gustav Riek den Fundplatz „Hohle Fels“, später Hahn und weitere Archäologen. Von 1997 bis heute leitet Nicholas J. Conard von der Universität Tübingen die Ausgrabung. Ein Grabungsbezirk wird in Flächen mit jeweils einem Quadratmeter unterteilt und geviertelt. Danach beginnen Archäologen mit Kelle, Skalpell und Pinzette Schicht um Schicht senkrecht nach unten zu graben. Immer tiefer und tiefer stoßen sie in neue Horizonte der Kulturgeschichte des Menschen vor. Tiefer in die Vergangenheit, ein klein wenig näher und näher an die Erkenntnis, wer wir sind und woher wir kommen.

Der Suchbezirk wird sorgfältig eingemessen und die Lage jedes Fundstücks dokumentiert. Die Fundstücke werden geborgen, gewaschen und zusammengesetzt, denn alle Funde sind wichtige Daten- und Informationsträger. Ein Jahr archäologische Grabung liefert Material für Dokumentation, Altersbestimmung, Spektralanalyse, Pollenanalyse, Dendrochronologie, Archivierung, Konservierung, Interpretation… und Aufarbeitung für viele Jahre. Die interessantesten Teile kommen ins Museum, wo wir sie bestaunen können.

Spuren des Homo sapiens

Die acht Quadratmeter große Grabungsfläche wurde bis in die Neandertalerzeit durchsucht. In diesem Zeithorizont gab es ganz wenig Steinartefakte und keine Skulpturen. Neandertaler lebten als Teil der Naturlandschaft in kleineren Gruppen. Die Grabungsschichten belegen, dass sich in der Schwäbischen Alb Neandertaler und Homo sapiens nie begegnet sind. Erst nach einer lang andauernden Besiedelungspause kam der Moderne Mensch (Homo sapiens) in die Schwäbische Alb. Forscher fanden unzählige Spuren im feuchten Sediment:  Werkzeuge, Steinartefakte, dreidimensionale Schmuckstücke und Figuren. Daneben Abfall, Essensreste und Knochenkohle. Die Schichten mit Knochenkohle ermöglichen eine genaue Datierung und Zuordnung zu den einzelnen Zeithorizonten.

Überraschung in der Tiefe

Im Sommer 2008 fanden Studenten des archäologischen Instituts Tübingen neun Teile der Venusfigur. Nicht weit daneben lag die Gänsegeierflöte. Professor Conard eilte unter strengster Geheimhaltung zur Fundstelle. Emotionen und Begeisterung unter den Archäologen waren riesig. Conard sagt: „Ball flach halten und erst nach allen Seiten absichern“. In dieser Schicht lag eine unendliche Vielfalt an symbolischen Artefakten und dreidimensionalen Schmuckstücken, die gut zu erfassen und zu datieren waren. Bis heute erwarten die Forscher der Eiszeitkunst jeden Tag Überraschungen und spektakuläre, neue Funde in den Höhlen der „Alb“.

Eiszeitkunst im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren

Das Urgeschichtliche Museum in Blaubeuren wurde bereits 1965 auf Initiative von Gustav Riek, dem damaligen Professor für Urgeschichte an der Universität Tübingen, gegründet. Das Museum wurde in den letzten Jahren erweitert und modernisiert. Es ist ein Aushängeschild der Universität, der Stadt Blaubeuren und der Region. Am 18. Mai 2014 zog die „Venus vom Hohle Fels“ im Museum ein. Sie hat ihren endgültigen Stammplatz im zentralen Museum für Altsteinzeit im Baden-Württemberg gefunden. Hier wird die Kunst der Eiszeit und das Leben der steinzeitlichen Jäger und Sammler dem Besucher präsentiert. Das Museum erklärt, warum Kunst, Musik und Schmuck so wichtig war für die Entwicklung von uns Menschen, und zeigt die Originalfunde. Das Museum soll nach und nach ausgebaut und zur zentralen Anlaufstelle für archäologische Funde der Schwäbischen Alb werden. Außerdem läuft ein Antrag, die Fundstellen und Höhlen des Ach- und Lohnetals zum Weltkulturerbe der UNESCO zu erklären.


Archäologie Grabungshorizonte. Archäologieraum des Urgeschichtlichen Museums
Foto © Andreas RiedmillerIm Archäologieraum des Urgeschichtlichen Museums. Transparenter Querschnitt durch eine Grabungsfläche, bis in die Zeit des Aurignacien vor 40 000 Jahren.

 

 

Professor Nicholas J. Conard am Fundort der
Foto © Andreas RiedmillerProfessor Nicholas J. Conard am Fundort der „Venus vom Hohle Fels“.
Archäologiestudenten auf der Suche nach neuen Funden der Eiszeit.
Foto © Andreas RiedmillerArchäologiestudenten auf der Suche nach Spuren der Eiszeit.
Archäologiestudenten auf der Feinsuche nach neuen Funden der Eiszeit.Mit Pinzette und Skalpell.
Foto © Andreas RiedmillerFeinsuche mit Pinzette und Skalpell.
Archäologiestudenten auf der Feinsuche nach neuen Funden der Eiszeit. Mit Pinzette und Skalpell.
Foto © Andreas RiedmillerAuf der Suche nach eiszeitlichen Spuren.
Archäologiestudenten auf der Feinsuche nach neuen Funden der Eiszeit.Mit Pinzette und Skalpell.
Foto © Andreas RiedmillerAuf Spurensuche mit Lupe und Pinzette
Die Firma Schwenk-Zement stellt in einem aufgelassenen Steinbruch Räume für Archäologiestudenten zur Verfügung. Hier ist genügend Platz um die Funde zu sichten, zu schlämmen und auszusieben.
Foto © Andreas RiedmillerEin Zementwerk stellt in Gershausen, in einem aufgelassenen Steinbruch, Räume für die Tübinger Archäologen zur Verfügung. Hier ist Platz um die Funde zu sichten, zu schlämmen und zu bearbeiten.
Im Grabungszeitraum von 2005 bis 2012 wurden mehr als 33 000 Säcke Material durchsucht.
Foto © Andreas RiedmillerIm Grabungszeitraum von 2005 bis 2012 wurden mehr als 33 000 Säcke Material von Hand durchsucht.

 

Steinzeitliches Flötenspiel im Hohle Fels

Der Feinwerk-Ingenieur Friedrich Seeberger rekonstruierte in Zusammenarbeit mit dem Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren 35 000 Jahre alte Knochen- und Elfenbeinflöten. Die Melodie stammt von Friedrich Seeberger, er spielt die Flöte selbst. Die Akustik im Hohle Fels ist perfekt. Der Klang rein und klar.

 

 


Mammut Backenzahn
Mammut Backenzahn

Mein Tipp:

  •  Im Museum gibt es ein breitgefächertes museumspädagogisches Programm für Familien, Kinder und Schulen:
  • „Tatort Steinzeit“. Am Anfang aller archäologischen Funde steht die Ausgrabung. Wie gegraben, gemessen und neue Funde bestimmt werden, können Kinder und Jugendgruppen miterleben und lernen.
  • Eiszeitkunst für Erwachsene. Wie wurde der Mensch zum Künstler? Kunst und Kreativität ist kein Luxus, sondern elementares Bedürfnis. Notwendig für die Bewältigung der Zukunft.
  • Ferienprogramme für Kinder. Wie kochte der Steinzeitmensch? Wie stellte er seine Werkzeuge her? Seinen Schmuck? Speer und Speerschleuder?
  • Wanderungen: Zurück in die Steinzeit, Höhlenwanderungen, Natur am Blautopf….

Auf Anfrage bietet Archäologe Hannes Wiedmann M.A. erlebnisreiche Führungen für Gruppen und Interessierte an. Dabei kommen Sie zu den Höhlen und Fundplätzen der archäologischen Schätze im Ach- und Lonetal. Dazu gehört auch eine Führung in den Museen in Blaubeuren und in Ulm. Kontakt: www.spuren.org

Kontakt Museum:

Urgeschichtliches Museum Blaubeuren
Kirchplatz 10
89143 Blaubeuren


Vielen Dank für die Fotoerlaubnis in den Museen und Baden-Württembergtourismus für die perfekte Organisation.


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