Die Rhätische Bahn fährt über das berühmte Landwasserviadukt

Graubünden: Eine Fahrt mit der Rhätische Bahn

Seit über hundert Jahren fährt diese Bahn umweltfreundlich mit Energie aus Wasserkraft. Harmonisch vereint sie Technik und Natur. Verbindet Nord und Süd. Noch heute bietet diese Bahn ein besonderes Reiseerlebnis.

Für Momente scheint die Zeit still zu stehen. Eine Schranke nach der anderen senkt sich. Lautes Gebimmel mischt sich unter den Verkehrslärm. Vor der Basilika in Tirano stoppt der Verkehr. Der Bernina Express überquert den Kirchplatz und hat Vorfahrt. Stündlich das gleiche Schauspiel. Spaziergänger nehmen ihr Hündchen auf den Arm, im Straßencafe unterbrechen Kellner kurz die Arbeit und schauen zum Zug. Gäste winken, Kinder winken zurück.

Ursula und ich reisen mit der Rhätischen Bahn in der Landschaft Albula/Bernina. Momentan sind wir im italienischen Tirano. Unser Stadtbummel führt uns in die Basilika Madonna del Tirano mit dem prunkvollen barocken Kirchenhimmel. In einem Straßencafe sitzen wir im Schatten von Fächerpalmen und verbringen die Mittagszeit und beobachten das Geschehen um uns herum.

Tirano bis Poschiavo

Wie eine Tram fährt die Bahn durch Tirano. Wieder scheint es, als ob die Zeit vor der Basilika still stünde. Diesmal sind wir es, die den Kindern draußen zuwinken. Der Zug fährt an Obstgärten und Weinbergen vorbei. Wir wundern uns, in welchen Steillagen die Weinreben gedeihen. Schnell gewinnen wir an Höhe. Bei Brusio schraubt sich die Rhätische Bahn über den berühmten Kreisviadukt. Der als Viertelkreis angelegte Viadukt ermöglichte den Bau auf kleinstem Raum, damit die Bahn den Höhenunterschied überhaupt meistern kann.

Wir umfahren den grünschimmernden Puschlaver See und erreichen das Val Poschiavo. Der Bau der Berninastrecke 1904 – 1912 brachte Wohlstand in diese ehemals arme Region. Unser Ziel für heute ist Poschiavo. Beim Spaziergang entdecken wir schöne Gassen, stattliche Bauten und die einladende Piazza Comunale.

Fahrt durch drei Klimazonen

Wir reisen mit der Berninabahn durch drei Klimazonen. Stetig geht es bergan, auf der steilsten Zugstrecke der Welt, die ohne Zahnradantrieb zu bewältigen ist. Es geht  höher und höher durch den steilen Bergwald, über sechs Halbkreise, Kehren, Eisenbrücken. Wir durchfahren viele Tunnels, bis wir die Station Cavaglia erreichen. Einst war hier eine Pferdewechselstation. Ganz in der Nähe befindet sich das Palü-Wasserkraftwerk. Von hier bezieht die Rhätische Bahn, die seit Beginn an elektrifiziert fährt, ihren gesamten, umweltfreundlich erzeugten Strom.

Swiss-Air-Pilot steuert Berninaexpress

Für ein Stück der Bahnstrecke darf ich eine „Führerstandsfahrt“ beim Lokführer erleben. Der ehemalige Swiss-Air-Pilot Marco Jöri steuert heute den Bernina Express. Seit sieben Jahren arbeitet er als Lokführer bei der Rhätischen Bahn und ist in seinem Traumjob angekommen. Von diesem Arbeitsplatz aus hat er die schönste Panoramasicht auf die Schweiz. Bei Wind und extremen Wetterlagen steuert er diesen Zug über Berg und Tal, durch Tunnel, Kehren und über atemberaubende Viadukte. Stets die gleiche Strecke, von Chur nach Tirano und zurück. „Manchmal kann es an diesem Arbeitsplatz einsam sein. Ein Schwätzchen wie früher mit den Bahnhofbediensteten gibt es selten“, erzählt ein Lokführer über Kopfhörer im Bahnmuseum in Bergün. Auch bei der RhB wurde rationalisiert. Alles läuft heute vollautomatisch gesteuert von der Zentrale in Landquart aus. Nur für den Notfall gibt es noch Nebenstellen in Samedan und Poschiavo, um schnell vor Ort zu sein.

Alp Prüm liegt weit über der Baumgrenze. Hier hält der Bernina Express für einen längeren Stopp. Viele Gäste steigen aus, um das Bergpanorama zu bewundern und sich vor den letzten Ausläufern des Piz Palü Gletschers fotografieren zu lassen. Es bieten sich atemberaubende Tiefblicke, 1800 Höhenmeter hinunter ins Val Poschiavo.

Ospizio Bernina bis Morteratsch

Nur Naturgewalten können die Rhätische Bahn stoppen. Schautafeln am Ospizio Bernina, der höchsten Haltestelle, zeigen, wie extrem das Wetter hier oben sein kann. Drei Tage lang blieb 1963 ein Triebwagen auf der Nordseite des Berninapasses im Schnee stecken. Er wurde von Hand aus dem Schnee geschaufelt. Heute benötigt nur noch der Streckengeher eine Schaufel, wenn er eingefrorene Weichen wieder flott kriegen muss. Drohende Murenabgänge oder Lawinengefahr am Berninapas können zu Verzögerungen führen. Erst wenn die Lawinen abgesprengt und alles sicher zu befahren ist, wird die Strecke für den Zugverkehr freigegeben. Die großen Schneefräsen, die wie gigantische, technische Monster wirken, räumen den Schnee heutzutage mühelos beiseite.

Das Bergpanorama vom Cabrio aus erleben

An der Haltestelle Ospizio Bernina auf 2253 Metern Seehöhe steigen wir um. Wir tauschen die schwarzen Ledersessel des Erste-Klasse-Abteils mit den harten Holzbänken des angehängten Aussichtswaggons. Unsere Perspektive wechselt vom Panoramafenster zur freien Rundumsicht wie im offenen Cabrio. Es ist ein tolles Fahrgefühl und die Sicht auf See und Berge berauschend. Auf der Passebene führt das Gleis des Bernina-Express harmonisch in leichten Kurven entlang des Lago Bianco. Wer diese Bahn aus der Ferne sieht, denkt unwillkürlich an eine Modelleisenbahn, die durch eine Ideallandschaft führt. Emotionen kommen auf. Im Vordergrund sattgrüne, mit pinkfarbenen Blüten gesprenkelte Almwiesen neben türkisgrünem Gletschersee, eingerahmt von schneeweißen Gipfeln. Niemand hält es auf den Sitzen. Alle wollen diesen Blick im Bild festzuhalten. Nach einigen Kurven und vorbei an der Talstation der Diavolezzabahn geht es gemächlich hinab nach Morteratsch und Pontresina. Bald passieren wir die „Montebellokurve“. Hier kreuzt die Rhätische Bahn die Passstraße und fährt durch den lichten Zirbenwald. Es duftet nach Harz. Für wenige Augenblicke bietet sich dem Reisenden ein neues, überwältigendes Bergpanorama.

 „Montebello-Kurve“: Gletscherblick auf Bellavista, Piz Palü und Bernina

Messerscharf zeichnet sich im hinteren Morteratschtal der Biancograd am lichtblauen Himmel ab. Neben der 4000 Meter hohen Piz Bernina sehen wir die vergletscherten Gipfel des Piz Morteratsch, der Bellavista und des Piz Palü. Lediglich das Quietschen der Eisenbahnräder übertönt die Begeisterung der Fahrgäste. An der nächsten Station angelangt, steigen wir aus und wandern ein Stück des Weges ins Morteratschtal. Am wilden Gletscherbach halten wir es an diesem warmen Sonnentag gut aus. Wir legen uns in den Baumschatten und genießen. Die Fahrt mit dem Bernina Express von Tirano nach Thusis dauert vier Stunden. Wir möchten den Genuss solange wie möglich ausdehnen. Reisen, nicht rasen haben wir uns zum Motto gemacht. Deshalb steigen wir zwischendurch aus und machen kleine Wanderungen, sehen uns die malerischen Bergdörfer am Weg der Strecke an. Der Zug der Rhätischen Bahn verkehrt regelmäßig und nimmt uns immer wieder auf.

Durch den Tunnel von Spinas bis Preda

Vor uns liegt die Albulalinie. Ein Tunnel führt von Spinas an der Südseite (1815 Meter Seehöhe) bis Preda auf der Nordseite (1789 Meter Seehöhe) durch das Albula Bergmassiv. Die Bauarbeiten für diesen Durchstich dauerten von 1898 bis 1902 und kosteten 16 Menschen das Leben. Heute gelangen wir bequem, in knapp fünf Minuten, geradlinig durch den 5864 Meter langen Albulatunnel. Im Stundentakt befördert die RhB Gäste und Güter von der einen zur anderen Seite des Albulamassivs. Wir erreichen den Weiler Preda. Kurvig bergab über Kehren, Kreisel und Viadukte geht es bis Bergün. Der Spaziergang in den historischen Dorfkern lohnt sich.

Landwasserviadukt bei Filius.
Foto © Andreas Riedmiller Landwasserviadukt bei Filisur.

Das Landwasserviadukt bei Filisur ist eine technische Meisterleistung

Wir setzen unsere Bahnreise Richtung Thusis fort. Einige Minuten nach der Haltestation in Filisur wartet ein weiteres Highlight. Der Landwasserviadukt mit atemberaubendem Tiefblick ins Tal. Es ist Wahrzeichen der Rhätischen Bahn und berühmt. In einem weiten Bogen von 140 Metern überbrückt der Viadukt das tief eingeschnittene Landwassertal. Bei diesem engen Radius darf die Bahn nicht schneller als 40 km/h fahren, bevor sie im Landwassertunnel verschwindet. Beeindruckend ist der Blick vom Fluss aus nach oben. Mit Naturstein gemauerte Pfeiler ragen elegant  bis zu 65 Meter in den Himmel. Das Landwasserviadukt und alle anderen der Rhätischen Bahn sind von den damaligen Projektingenieuren mit bodenständigem Baumaterial konzipiert und perfekt der Natur angepasst worden.

Zitat – Hans Studer aus dem Jahre 1926: …„Es war die hohe Auffassung massgebend, durch die möglichste Fernhaltung eines naturfremden und durch die Wahl, eines im wahrsten Sinne des Wortes bodenständigen Baumaterials den Unterschied zwischen Menschenwerk und Natur so weitgehend als möglich zu verwischen, dieses Menschenwerk so unauffällig und bescheiden wie möglich in die Schönheit und Gewalt der hehren Gebirgsnatur einzupassen, ihre Harmonie nicht oder nur in geringem Masse zu stören!“…

Im Juli 2008 wurde die Rhätische Bahn in der Landschaft Albula/ Bernina in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. Dafür gab es für die Kommission zwei Begründungen:

Ein Pionierwerk….. ( Die „RhB in der Landschaft Albula/ Bernina“ bildet ein Pionierwerk moderner Ingenieurskunst und architektonischer Konstruktion zu Beginn des 20. Jahrhunderts, entstanden aus einem einzigartigen Zusammenspiel von Natur, Kultur, und Technologie.)….

mit einzigartigem Charakter ( zudem stellt die Bahn ein einzigartiges Beispiel einer Eisenbahn dar, die harmonisch in eine Gebirgslandschaft integriert ist. Die harmonische Beziehung von Landschaft und Bahn ergab sich dabei nicht zufällig, sondern durch eine vorausschauende Planung und die glückliche Verbindung technischer Innovation und Rücksichtnahme auf die Landschaft.)…..

Dorfrunde in Poschiavo

Das Hotel Albrici, ein Patrizierhaus aus dem Jahre 1682, fasziniert durch das historische Ambiente. Zu den Etagen führt eine breite  Steintreppe. Die ausgetretenen Stufen lassen erahnen, wieviel Gäste hier in zwei Jahrhunderten aus- und eingingen. Besonders erwähnensert ist der zirbenholzgetäfelte, antike Sibyllensaal. Der schwere Leuchter wirft spärliches Licht auf acht Gemälde an der Wand. Dargestellt sind Frauen als Sibyllen, antike Wahrsagerinnen oder Prophetinen. Die  Gästezimmer sind geschmackvoll renoviert und vereinen historisches Ambiente mit modernem Komfort. An diesem warmen Sommerabend nehmen wir Platz unter den burgunderroten Schirmen auf der Piazza Comunale. Claudio Zanolari und sein Team bereiten sowohl traditionelle als auch eigenkreative Spezialitäten mit Liebe zum Detail zu.

Hotel Albrici in Poschiavo
Foto © Andreas Riedmiller Hotel Albrici in Poschiavo
Poschiavo
Foto © Andreas Riedmiller Poschiavo
Sibyllen im Hotel Albrici in Poschiavo.
Foto © Andreas Riedmiller Sibyllen im Hotel Albrici in Poschiavo.
Hotel Albrici in Poschiavo
Foto © Andreas Riedmiller Hotel Albrici in Poschiavo

In Thusis warten Skulpturen

In Thusis ankommend, begrüßen uns einige Skulpturen. Besonders auffallend am Bahnsteig zwischen Gleis zwei und drei „die Wartende“, gestaltet von Robert Indermauer aus Chur (geb. 09.06.1947).

Bahnfahren und wandern sind gut miteinander zu kombinieren. Beispiele für Abstecher sind: Eine Wanderrunde durch blühende Almwiesen auf dem Berninapass. Der Erlebnisweg Albula zwischen Preda und Bergün. Besonders beeindruckend ist die Wanderrunde ab Thusis durch die Vai Mala Schlucht. Dieses Felslabyrinth mit hohen steinernen Brücken, schmalen Steigen und Tiefblicken in Felshöhlen und Strudellöcher ist beeindruckend. Dies zeigt, Alpenreisen bedeuteten in früheren Zeiten Strapazen und Wagnis.

Wer heute mit der Rhätischen Bahn reist, kann entspannt genießen. Das Quietschen der Eisenbahnräder, das Rauschen des Fahrtwinds, das regelmäßige Klackern der Gleiskannten, die vorbeihuschenden Bäume erinnern mich daran, dass ich die Bodenhaftung behalte und nicht davonschwebe. Der Zug gleitet sicher und bequem, wie im Flug, über Viadukte, tiefe Schluchten und entlang steiler Berghänge. Hinter diesem Bahnerlebnis stehen engagierte Mitarbeiter der Rhätischen Bahn.

Für uns steht fest: Wir kommen wieder. Die Fahrt mit der Berninabhan war ein einmaliges Erlebnis. Allegra.

> Rail Control Center der Rhätischen Bahn.

Angebote der Rhätischen Bahn:

  • Vollmondfahrten
  • Dampfschneeschleuderfahrt
  • Kulinarische Fahrten,
  • Erlebnisfahrt Albula,
  • Charterfahrten für Betriebsausflüge
  • Bernina – Express,
  • Fahrt im historischen Zug: Pullmann Bernina,
  • Pullman Express
  • Glacier Express
  • Bahnwandern mit der RhB
  • Führerstandsfahrten
  • Fahrten mit dem Dampfzug
  • Webwandern

Weitere Infos bei Rhätische Bahn: www.rhb.de

 

SBB - Zugfahren in der Schweiz ist komfortabe
Foto © Andreas Riedmiller Komfortabel reisen mit der SBB
SBB - Zugfahren in der Schweiz ist komfortabe
Foto © Andreas Riedmiller Komfortabel reisen mit der SBB

Information und Beratung:

Tel. 00800/100 200 30 (kostenfrei)
Info-Fax: 00800/100 200 31 (kostenfrei)
info@myswitzerland.com

Schweiztourismus: www. MySwitzerland.com


Fahrt mkt der Berninabahn

Herzlichen Dank für die freundliche Einladung von Schweiz Tourismus und Rhätische Bahn. Der Artikel wurde neu überarbeitet und nach vorne gestellt.

  1. Das sieht nach einer sehr beeindruckenden Bahnstrecke aus, Andreas. Das Rot des Zuges macht sich gut zwischen den Bergen.

    • Liebe Monika,

      mit dem Zug in die Berge und durch die Berge fahren wird immer mehr kommen. Wer in der Schweiz mit dem Zug gefahren ist, weiß wie komfortabel man in jeden Winkel reisen kann. Der Zug dient nicht nur der Fortbewegung. Mit dem Zug zu fahren macht Spaß, ist modern und ökologisch sinnvoll. Gruß Andreas

  2. Bahnfahren in der Schweiz ist ein echtes Erlebnis, da ist es schon fast egal, wo das Ziel liegt.

    • Hallo Antje,

      da kann ich Dir voll zustimmen. Bahnfahren in der Schweiz ist stylisch und ein Erlebnis. Du fährst komfortabel, hast tolle Aussichten auf die Berge und kommst meist stressfrei am Ziel an. Gruss Andreas

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