Storchendorf Rühstädt

Prignitz: Naturschauspiel im Storchendorf Rühstädt

Die Einwohner von Rühstädt haben ein Herz für Störche. Es gibt ein reiches Nahrungsangebot, nirgendwo in Mitteleuropa brüten so viele Storchenpaare wie in der Prignitz. Der kleine Ort aus Backsteinhäusern liegt mitten im UNESCO-Biosphärenreservat »Flusslandschaft Elbe« und ist 1996 von Euronatur mit dem Titel »Europäisches Storchendorf« ausgezeichnet worden.

Im europäischen Storchendorf Rühstädt brüten bis zu 44 Paare.
Foto © Andreas Riedmiller Im europäischen Storchendorf Rühstädt brüten bis zu 44 Paare.

Trotz guter Bruterfolge in der Prignitz sind Störche noch immer gefährdet, da in vielen anderen Regionen Feuchtgebiete verschwunden sind. Jedes Jahr sind mindestens 30 Horste besetzt, im Umland von Rühstädt gibt es weitere 25 – 30 Storchennester.

Fahrt durch die idyllische Prignitzlandschaft

Mit der Bahn fahre ich vom Allgäu via Berlin nach Brandenburg bis zur Bahnstation Bad Wilsnack. Von hier aus fährt der Linienbus auf ruhigen Landstraßen durch das Elbdeichvorland bis Rühstädt. Der Bus rollt durch schattenspendende Alleen und kleine Dörfer. Durch das Busfenster sehe ich schmucke Backsteinhäuser und Gärten mit blühenden Rosen und weißem Jasmin. An einem Bauernhof stehen Pferde. Ein Hufschmied passt ihnen Hufeisen an. Die Fahrt durch diese idyllische Region ist für mich ein Erlebnis. Die »Landpartie« mit dem Regionalbus hat sich gelohnt.

Harmonie zwischen Mensch und Natur

Als ich in Rühstädt gelandet bin, sind klappernde Störche mein Empfangskomitee. Am Abend gehe ich noch eine Runde durch das kleine Dorf aus Backsteinhäusern. Warum sind ausgerechnet hier so viele Storchennester? Die Dorfbewohner mögen Störche und haben ein wachsames Auge auf sie. Die wuchtigen Storchennester wurden von den Wohnhäusern auf hohe Scheunendächer umgesiedelt. Am Honigstand treffe ich Nachbarin Rita Mühler und Imker Helmut Leinung. Beide sind Mitglieder im Storchenclub.

»Sehnsüchtig erwarte ich jedes Jahr die Vögel. Ich sehe sie vom Küchenfenster aus, wenn sie gegenüber am Dachfirst auf ihrem Horst landen. Wenn sie wieder da sind, wache ich morgens mit Storchenklappern auf und schlafe abends mit Storchengeklapper ein. Dett find´ ick schöön«, erzählt mir Rita, die ehemalige Berlinerin, die nach Rühstädt gezogen ist. »Das Männchen kommt zuerst zum Nest, das Weibchen eine Woche später. Ich freu mich, wenn im Frühling die Storchenpaare eintreffen, wenn sie Hochzeit feiern und nach 32 Tagen die Jungen aus dem Nest blicken. Ich bin traurig, falls ein Horst nicht besetzt wird«, sagt sie noch. Die Einwohner fiebern mit, wenn im Frühling unerbittliche Horstkämpfe stattfinden und dabei Gelege zerstört werden können.

Fürsorgliche Storcheneltern

Die Jungen werden ständig von einem Altvogel gehütet. Männchen und Weibchen wechseln sich bei der Brutpflege und Fütterung ab. Die Altvögel träufeln mitgebrachtes Wasser mit dem langen Schnabel direkt in den Schlund der Jungen. Fressbares wird vor den Kindern ausgewürgt und von den Jungen selbstständig aufgenommen. Wenn es heiß wird oder regnet,  beschützt der Altvogel seine Jungen fürsorglich mit seinen Flügeln.  Bei Kälte, Regen oder Unwetter schauen die Einheimischen besorgt zum Horst, denn längere Schlechtwetterperioden könnten die Brut oder Jungstörche schnell gefährden.

Jungvögel müssen zügig heranwachsen, damit sie für die lange Reise nach Afrika stark genug sind. Die Rühstädter freuen sich, wenn die Jungen gut gedeihen und sie im Nest ihre Flügel trainieren. Sie atmen auf, wenn die Störche ihre ersten Flugübungen vom Dachfirst sicher absolvieren. Auf kleinen Holztafeln vor jedem Haus wird schriftlich festgehalten, wie viele Jungtiere geschlüpft sind und wann sie Richtung Süden fliegen. Acht Tage vor ihren Eltern starten die jungen Störche  nach Afrika. Sie folgen einem sicheren Instinkt, der ihnen den Weg weist. Wenn die restlichen Störche Ende August abfliegen, wird es für ein halbes Jahr wieder ruhiger in Rühstädt.

Der Storchenverein kümmert sich um die Vögel

Die Einwohner von Rühstädt lieben ihre Störche. Vor 30 Jahren wurde der Storchenclub gegründet. Seitdem kümmern sich die Mitglieder des Vereins zusammen mit dem NABU um Nester und Vögel. Alle Oberleitungen wurden im Dorf entfernt, damit sich die Tiere mit ihren bis zu zwei Meter langen Schwingen nicht verletzten können. Vereinsmitglieder pflegen die Nester und erneuern alle zehn Jahre die alten Horste. Sie reinigen verschmutzte Dächer und Dachrinnen, damit sich Einheimische und Hausbesitzer mit den Tieren wohl fühlen. Und manchmal will ein Storch unbedingt auf einem aktiven Schornstein sein Nest bauen. Dann handelt der Storchenverein schnell und bietet in der Nähe ein attraktives Ersatzheim an. Feuchtbiotope und Froschtümpel wurden in der Umgebung angelegt, damit die Vögel genügend Futter finden. Das Feiern kommt auch nicht zu kurz. Jedes Jahr im Juli lockt das große Storchenfest Gäste aus nah und fern nach Rühstädt.

Storchenfeierabend

Jürgen Herper von der Naturwacht Brandenburg lädt ein zur Storchenführung. Kurzentschlossen schließe ich mich einer Gruppe pensionierter Lehrerinnen an. Jährlich kommen 20 – 30 000 Besucher nach Rühstädt. In der Gemeinde Rühstädt gibt es Übernachtungsmöglichkeiten auf Höfen und in Pensionen mit insgesamt 120 Betten. Jürgen sagt. »Die Störche sorgen bei uns für ein bescheidenes Einkommen. Es ist für beide Seiten eine »Win-win-Situation«. Dank der Touristen, die wegen der Störche kommen, haben wir wieder eine eigene Postfiliale, einen Tante-Emma-Laden, einen Kindergarten, zwei Gaststätten, zwei Hotels und eine Töpferei.«

Zum »Storchenfeierabend« gehen wir zum hoch gelegenen Balkon an einer großen Scheune. Über den Dächern von Rühstädt schauen wir dem Treiben der Störche zu. Von hier aus zähle ich 15 bewohnte Horste mit Jungen. Jürgen reicht seinen Feldstecher in die Runde. Wir blicken nacheinander in die Kinderstube der Störche. »Es sollten mindestens zwei Junge in jedem Nest aufwachsen, dann ist die Storchenpopulation in Rühstädt gesichert. Es gibt Jahre, in denen Störche wenig Fressbares  finden, weil feuchte Tümpel ausgetrocknet sind und die Wiesen zu spät gemäht werden. Manche Jungvögel überleben diese Zeit nicht. Füttern und domestizieren möchten wir die Störche trotzdem nicht. Schnell würden sich die Vögel an diesen Service gewöhnen und ihr angeborener Zugtrieb ginge verloren«, erklärt Jürgen. Störche sind Kulturfolger, sie lieben die Nähe zu Siedlungen und zum Menschen. Wenn die Bauern mähen oder pflügen, finden sie einen reich gedeckten Tisch. Sie stelzen über die Felder und sammeln die aufgescheuchten Kleintiere ein.

Störche sind Kulturfolger, sie lieben die Nähe zu Siedlungen und zum Menschen. Wenn die Bauern mähen oder pflügen, finden sie einen reich gedeckten Tisch. Sie stapfen dann mit ihren langen Stelzen hinterher und sammeln die aufgescheuchten Kleintiere ein.
Foto © Jiri BóhdalWenn Bauern mähen oder pflügen, finden Störche einen reich gedeckten Tisch. Sie sammeln die aufgescheuchten Kleintiere ein.

Gefährliche Reise nach Südafrika und zurück

Die Jungvögel finden den langen Weg alleine, denn der Zugtrieb ist in ihren Genen angelegt.  Sie fliegen entlang von Flussläufen und überqueren Gebirge. Störche sind reine Segler, die nicht gegen den Wind anfliegen können. Genau wie Paraglider brauchen sie thermische Aufwinde und schrauben sich damit bis zu 1000 Meter über Grund in die Höhe. Von dort segeln sie in einem langen Gleitflug zum nächsten Aufwindbart. Wenn alles gut geht, kommen sie nach 10-12 Wochen Flugzeit in ihrem Zielgebiet in Afrika an.

Es gibt zwei Zugrichtungen. Innerhalb einer Storchenfamilie kann es sogar zwei verschiedene Zuggruppen geben. Einige haben die Gene für die Ostroute geerbt und die anderen Geschwister für die Westroute.

Auf der  Westroute fliegen die Störche über Spanien und Gibraltar, sie queren die Sahara und fliegen weiter entlang der Westküste Afrikas bis in den Kongo. Einige Störche entdeckten, dass es auf Müllhalden in Spanien Nahrung gibt. Sie sparen sich den weiten Weg nach Afrika und überwintern gleich hier.

Die Ostroute führt entlang der Elbe bis zum Riesengebirge. Via Donau und Drau geht es Richtung Balkan. Den Bosporus queren die Störche bei den Dardanellen, anschließend geht es weiter entlang der türkischen Ägäis bis in den Nahen Osten. Am Nildelta angekommen, folgen sie dem Fluss nach Süden bis zum Quellgebiet in Ruanda. Entlang des südafrikanischen Grabenbruchs reisen die Störche bis zu den Viktoriafällen des Sambesi. Viele erreichen die Südspitze Afrikas in Kapstadt. Jeden Abend brauchen die Störche einen sicheren Landeplatz, der ihnen genug Futter für den Weiterflug bietet. In der trockenen Sahelzone gibt es kaum Nahrungsquellen. Für mich ist es erstaunlich, welche Leistung Störche jedes Jahr erbringen.

Hochspannungsleitungen fordern Opfer

Neben Nahrungsmangel an den Übernachtungsplätzen werden Hochspannungsleitungen im Umfeld der Kraftwerke in der Türkei und in Ägypten vielen Störchen zum Verhängnis. Nicht alle Störche treffen im Folgejahr wieder in Rühstädt ein.

Störche im Dienst der Wissenschaft

Störche tragen kleine, solarbetriebene Sender auf dem Rücken, um GPS-Daten an die Internationale Raumstation zu übertragen. Die Daten werden aufbereitet und in der Datenbank »Movebank« gespeichert. Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell hat das Projekt ins Leben gerufen. Die Forscher wollen verstehen, welchen Gesetzen die Bewegungen unterschiedlicher Tierarten folgen. Besenderte Störche und andere Tierarten bieten dafür ein  globales Netzwerk. »Movebank« stellt die gespeicherten Informationen für Forschungszwecke zur Verfügung. Mit dieser Methode werden Verhalten und Instinkte von Wildtieren sichtbar gemacht. Kostenlose App:  Online »Animal Tracker« der Vogelwarte Radolfzell.



Mythen und Sagen

Nach altem Volksglauben ist der Storch ein Glücksbringer für das Haus, auf dem er sein Nest baut. Mit der Ankunft der Störche zieht der Frühling ein, er gilt auch als Kinderbote. Bei einigen Paaren soll sich der Kinderwunsch nach einem Urlaub in Rühstädt tatsächlich erfüllt haben.

Unsere Storchenführung durch Rühstädt nimmt ein lustiges Ende. Die pensionierten Lehrerinnen wollten von Jürgen Herper unbedingt noch wissen, wie der Storch die Kinder bringt. Jürgen kennt diese Frage, sie wird ihm bei jeder Storchentour gestellt. Dafür hat er ein paar Geschichten und lustige Witze auf Lager.

Romantisches Schlosshotel in Rühstädt mit historischem Baumpark

Schlosshotel Rühstädt

Ich wohnte im Schlosshotel in Rühstädt. Wer das Hotel Garni betritt, wird mit herzlicher Gastfreundschaft empfangen. Das reichhaltige Frühstücksbüffet mit regionalen Produkten aus der Prignitz ließ mich gut in den Tag starten.

Im ersten Stock ist eine Bibliothek mit gemütlicher Leseecke. Auf der Veranda lässt sich chillen oder die angenehme Ruhe mit Blick in den herrschaftlichen Park genießen. Der großzügig angelegte Renaissance-Garten des 16. Jahrhunderts zeigt botanische Raritäten. Die mächtigste Traubeneiche ist über 700 Jahre alt. Daneben gibt es knorrige Ahornbäume, Rotbuchen und Eiben, einen Mammutbaum sowie eine amerikanische Gleditschie.

Zum Flanieren führen etliche Rundwege durch den romantischen Park. Im späten Abendlicht glitzern die Tümpel und Teiche zwischen alten Bäumen. Die Lindenallee endet bei einem Sandsteinobelisken. Wer in einem parkseitigen Zimmern wohnt, hört frühmorgens ein Vogelkonzert. Nachtigallen, Sprosser, Kuckuck, Ringeltauben und viele andere Singvögeln jubilieren. Abends klappern Störche um die Wette. Der melodische Ruf der Rotbauchunke klingt aus dem Dunkel des Parks. Das Schlosshotel Rühstädt ist ein romantischer, verwunschener Ort für einen besonderen Urlaub. Hoffentlich bleibt dieser historisch wertvolle Baumpark ursprünglich erhalten, wie er zur Zeit ist.

Spezialmassage für Radler!

Wer nach einer Radtour in Rühstädt ankommt, kann sich eine entspannende Massage bei Nancy gönnen.  Die „60-Minuten-Radler- Massage“ kostet 56,00 Euro, inbegriffen ist ein Getränk für den ersten Durst. Nach dieser Massage fühlte ich mich wie neu geboren. Nancy Liebert aus Wittenberge arbeitete jahrelang in führenden Hotels in Österreich und leitet jetzt die Wellnessabteilung im Schlosshotel Rühstädt. Ihren Service kann ich empfehlen.

Einkehr im Storchenhof in Rühstädt mit Angebot von regionalen Speisen auf der Karte.
Foto © Andreas Riedmiller Einkehr im Storchenhof in Rühstädt
Im Biosphärenreservat Besucherzentrum in Rühstädt, mit NABU Storchenausstellung.
Im Biosphärenreservat Besucherzentrum in Rühstädt, mit NABU Storchenausstellung.

Meine Tipps:

Brandenburg_Prignitz
Brandenburg_Prignitz

Die Reise nach Rühstädt wurde von Reiseland Brandenburg unterstützt. Herzlichen Dank an Herrn Steffen Lehmann und Herrn Jürgen Herper von der Naturwacht.

  1. Kathrin Bürglen

    Wunderschöner Beitrag!

    Liebe Grüße Kathrin

    • Hallo Kathrin,

      die Region Prignitz in Brandenburg ist schön. Ein richtiges Naturrefugium mit charmanten Dörfern aus Backsteinbauten, mit vielen Wildtieren, Störchen, Seeadlern an der Elbe. Ich möchte wieder kommen. Vielleicht im Herbst, wenn Kraniche im Rambower Moor Zwischenstation machen.

      Liebe Grüße Andreas

  2. Hört man sie denn auch klappern, die Störche? Nach Erding bei München kommt auch jedes Jahr ein Storchenpaar zum Brüten. Allerdings habe ich es nie gehört, weil wir uns nie die Zeit dafür genommen haben. Ich habe sie immer nur aus dem Auto gesehen. Auf dem Kirchturm oder den umliegenden Wiesen. Schade eigentlich.

    • Hallo Moni und Petar,

      danke für Euren Kommentar. In der Prignitz klappern noch viele Störche. Besonders in Rühstädt sind Störche willkommen. Obwohl es dort viele gibt, sind Störche immer noch gefährdet. Es gibt in anderen Regionen zu wenig Feuchtgebiete, die dem Storch eine Nahrungsgrundlage bieten. Es ist schön, wenn sich Wildtiere in der Nähe des Menschen ansiedeln

      Gruß Andreas

  3. Elvira Guse

    Hallo, ich würde gerne zu Ihnen kommen, aber leider habe ich kein Auto
    und bin auf die Bahn und Bus angewiesen. Wie komme ich zu ihnen hin.
    Wenn Sie dieses noch mit rein schreiben würden, wäre es schön.
    Ich danke Ihnen und weiterhin so. Ihre E. Guse

    • Steffen Lehmann

      Sehr geehrte Frau Guse,

      die Prignitz ist auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, auch das Storchendorf Rühstädt. Gehen Sie am besten auf die Internetseite des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), http://www.vbbonline.de und suchen Sie sich Ihre Verbindung heraus.

      Mit freundlichen Grüßen,

      Steffen Lehmann, TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH

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