Portugal: Alentejo – Natur- und Kulturlandschaft

Ein zerfleddertes, altes Reisemagazin liegt auf meinen Beifahrersitz. Einprägsame Bilder zeigen ungeschminkte Alltagsszenen und die karge, von der Sommerhitze ausgemergelte Landschaft des Alentejo. Ich mache mich mit dem Wagen auf den Weg. Die Orte Mertola, Beja, Mourâo, Monsaraz, Estremoz, Marvâo im Osten und Evora und Grandola im Westen werde ich wie auf einer Perlenschnur verbinden. Das könnte was werden. Ich lasse mich treiben ohne weiteren Plan.

Alentejo
Alentejo

Die Route

Von Faro geht es nach Osten entlang der Küstenstraße. Links und rechts der Straße sind hübsche Ferienhäuser. Hier in der Algarve beginnt gerade die Badesaison. Autokolonnen kommen mir entgegen Richtung Strand. Ich bewege mich gern und oft gegen den Strom. Vor der spanischen Grenze zweige ich nach Norden ins Alentejo ab. Mir scheint, als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Die Landstraßen nach Norden sind menschenleer. Schon im Frühsommer ist das Gras der Weiden verdorrt, im Sommer kann es bis zu 48 Grad Hitze haben. Wer Wasser hat, kann froh sein. Wer Wasser hat, ist reich. Kurz vor der Stadt Mertola erreiche ich den Nationalpark Guadiana. Kleine Flüsse lassen die Landschaft für einige Kilometer ergrünen, dazwischen wachsen blühende Oleandersträucher. Eine mittelalterliche Bogenbrücke überspannt das enge Tal.

Arabisches Erbe im Museum von Mertola

Die kleine Stadt Mertola mit weißgekalkten Häusern liegt im Park Natureal do Vale do Guadiana im Osten des Alentejo. Sie ist die arabischste aller Städte Portugals. Unter den Römern war Mertola ein Handelsplatz. Später, unter den Arabern, wurde Mertola islamisch geprägt und war lange Zeit Hauptstadt des maurischen Königreichs. Im Museum Núcleo Museológico Islâmico zeigen wertvolle Exponate das arabische Erbe und die Bedeutung der maurischen Zeit für die Region Südportugal.

Alqueva Stausee

Nach einem kurzen Abstecher nach Beja geht mein Roadtrip entlang des Rio Guadiana bis zum gigantischen Stausee Alqueva. Er liefert Wasser für die Landwirtschaft und Energie für große Teile Alentejos. Der See ist 83 Kilometer lang, hat eine Uferlänge von 1100 Kilometer und ist mit 250 Quadratkilometern der größte künstliche See in Europa.

Wo früher Olivenbäume und Steineichen wuchsen, findet der Wassersportler ideale Bedingungen für Segeln, Wasserski, für den Kanu- und Kajaksport. Die Luft, fern jeglicher Industrieansiedlung, ist rein und glasklar. Es gibt keine Lichtverschmutzung, die eine Beobachtung des Himmels erschwert. Sternenbeobachter haben deswegen diese Region für sich entdeckt.

Bergdorf Monsaraz

Ein mittelalterliches Städtchen, das mich verzaubert und überrascht. Straßen und die Stadtmauer sind aus Schiefer erbaut. Ich schlendere durch die Gassen und besuche ein kleines Gartenrestaurant mit phantastischem Ausblick über das Land. Sehenswert im Gebiet des Klosters Convento da Okada ist die Steinanlage von Xerez. Auf der Weiterfahrt zum nächsten Ort mache ich noch Halt im Töpferdorf Sao Pedro de Corval. Mehr als zwanzig Werkstätten stellen kunsthandwerkliche Keramik her. Ein Töpfer gestattet mir den Blick in sein Atelier.

Festungstadt Marvâo

Wie ein Adlerhorst auf dem Gipfel der Serra des Sâo de Mamede Gebirges thront Marvâo. Die spektakuläre Lage ist ideal für die Überwachung der spanischen Grenze. Rund um die Stadt zieht sich die imponierende Festungsmauer, aus Granit erbaut. Die Aussicht von Zitadelle ist in alle Richtungen phantastisch.

Große stattlichen Korkeichen sind mit ein »P«, markiert, dies bedeutet populare. Diese Bäume gehören den Bewohnern der Gemeinde. Ihr Korkertrag wird gemeinschaftlich erwirtschaftet und geteilt. Neben Korkeichen wachsen Esskastanien und Olivenbäume. Sie können 500 bis 600 Jahre alt werden.

Marmorstadt Estremoz

Von Weinbergen, knorrigen Olivenhainen, Stein- und Korkeichen umgeben sind Estremoz, Borba und Vila Vicosa, alle drei Städte wurden durch hochwertigen Marmor bekannt. In 120 Steinbrüchen wird Marmor in den Farben chremeweiß bis dunkelrosa abgebaut. Mein erster Weg führt mich auf den »Torre das Três Cordas«, den Palastturm. Dieser »Turm der drei Kronen« erinnert an die früheren Könige von Estremoz. Von hier aus überblicke ich die Stadt und das Hinterland.

In einem Hinterhof entdeckte ich das hübsche Restaurant »Cadeia«. Es liegt hinter dem ehemaligen Gefängnis der Stadt. Deshalb der Name „Cadeia“. Im modernen, schön designten Restaurant überbrücke ich die Mittagshitze bevor ich nach Evora fahre.

Weltkulturerbe und Universitätsstadt Evora

Weltkulturerbe Evora

Vom Zimmer aus blicke ich direkt auf blau blühende Jacarandabäume. Das helle Granitpflaster ist bedeckt mit azurblauen Blütenblättern. Sie verströmen einen schweren Duft von Vanille, der alle Räume im Haus ausfüllt.

Die Altstadt von Evora ist Unesco Weltkulturerbe und soll zu den schönsten Städten Portugals gehören. Mein erster Gang durch schmale Gassen führt auf den »Praco do Geraldo«. Im Mittelalter fanden hier öffentliche Hinrichtungen statt. Der Platz ist umgeben von einem Arkadengang und edlen Geschäften. Mauersegler kreisen über den verwinkelten Altstadtkern mit seiner besonderen Architektur. Die Hauptsehenswürdigkeit im historischen Stadtzentrum ist der römische Diana- Tempel mit dorischen Säulen und ein gut erhaltenes römisches Viadukt.

»Wir, die Knochen, die hier liegen, warten auf eure«

Wer den leicht muffig riechenden Raum betritt, muss erst durch eine steinerne Pforte mit der Aufschrift: »Nos ossos que aqui -pelos vossos espaeramus«. Das heißt: »Wir, die Knochen, die hier liegen, warten auf eure«. Diese Sehenswürdigkeit befindet sich in einem Seiteneingang der Franziskanerkirche »Igreja de Sao Francisco«.

Nachdem im 16. Jahrhundert die Friedhöfe der Stadt zu klein wurden, war es notwendig, die Gebeine der Toten zu exhumieren. Sie wurden in die Wände und Decke dieser kleinen Kapelle eingebettet. Hier in der Knochenkapelle „Capela dos Ossos“ wird deutlich: das einzige, was im Leben sicher kommt, ist der Tod.

Draußen ist die Stadt erfüllt von Vogelgezwitscher und Kindergeschrei. Wie schön. Die Gassen duften nach frischem Gebäck, nach Zitrusblüten und Jacarandabbäumen. Auf dem Giraldoplatz bestelle ich mir einen Eisbecher und fahre später weiter nach Grandola.

Was hat sich die letzten Jahrzehnte verändert? Die Natur- und Kulturschätze sind zeitlos, fast unverändert geblieben. Ein Stausee kam hinzu. Mehr junge Menschen kommen zurück und entdecken das Alentejo neu, um für sich eine Existenz aufzubauen. Es gibt weniger Großgrundbesitzer, mehr Weinbau und Bioanbau.

Stierkampf in der Arena von Evora

Ein Stierkampf ist ein grausames Spiel zwischen Macht und Unterwerfung. Am mutigsten sind die „Forcados“. Das sind acht junge Männer, die den Stier mit Körperkraft und eigenen Händen bändigen. In Portugal wird dem Zuschauer der Tod des Stieres erspart.


 

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Dank an Visitalentejo für die freundliche Unterstützung.

  1. Wie ich sehe, warst Du auch in der Kapelle der Knochen in Evora. Das ist schon ein sehr skurriler Ort. Aber irgendwie hat er auch etwas schaurig Schönes.

    • Monika, du hast die Kapelle auch besucht, hab ich gesehen. Mir gab der Spruch am Eingang sehr zu denken. Der Besuch dieser Kapelle gibt unwillkürlich Impulse über sein eigenes Leben und den unausweichlich folgenden Tod zu denken. Jedes Leben ist nur eine vorübergehende Erscheinung die eine ziemlich kurze Zeitspanne auf der Erde ist. Was kommt danach?

  2. Ziemlich abwechslungsreich war eure Reise, genauso mag ich das auch. Gut essen, wandern und ein bisschen Kultur. Hoffentlich klappt es bald mit einem Alentejo-Trip.

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