Weindegustation im Weingut Köpfer

Baden-Württemberg: Markgräfler Land – auf dem Wiiwegli

„Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluss der Welt.“ Dieses Zitat von Gottfried Keller wird mich heute als „Mantra“ den ganzen Tag begleiten. Beim Weingut Dörflinger in Müllheim zaubern Fächerpalmen, Oleander, Prinzessinnen- und Sambablumen mediterranes Flair in den Innenhof. In diesem Blütenmeer sind zwei einladend gedeckte Tische für uns hergerichtet. Zum Mittagstisch gibt es regionale Spezialitäten: Schäufele vom Schwein mit Erdäpfel. Dazu selbstgebackenes Brot und einen leichten, trockenen Gutedel.

Dörflinger junior stellt seinen Sekt vor: „Das ist Gutedel mal Silvaner. Ein erfrischendes, duftiges Sektgetränk. Ein Erfrischungsgetränk par excellence. Man sieht es an den feinen Bläschen, die aufsteigen. Der Sekt wurde in klassischer Flaschengärung ausgebaut und lag fast ein Jahr auf Hefe. Die Weinlese hat heute begonnen. Der erste Nobling ist geerntet und liegt auf der Presse. Die Trauben sind dieses Jahr wunderbar, gesund und aromatisch. Alle sind zufrieden, denn es wird ein Superherbst.“ Das ist ein gelungener Auftakt für die folgende Wanderung durch die Weinberge. Ich bin gespannt, was mich auf dem Wiiwegli erwartet.

Wanderung auf dem Wiiwegli

Zentrum des Badischen Weinbaus

Müllheim ist Zentrum des Badischen Weinbaus. Hier lebte Dr. Adolf Blankenhorn (1843-1906). Der sozial engagierte Önologe brachte den Weinbau in Europa zur Hochblüte. Aus Samenkörnern züchtete er Veredlungsunterlagen, die hervorragend an europäische Verhältnisse angepasst sind. Nahezu alle mitteleuropäischen Weinstöcke stammen davon ab. Sein Lebenswerk, die Bibliotheca oenologica, hat heute noch Bestand und ist Hauptwerk für alle Weinbaustudenten.

Rauf zur Himmelswiese.

Mit weit ausladenden Schritten geht Winzer Hans-Werner Ottlin am Römerberg voraus. Dieser Weinberg ist sein Revier, sein Lebensraum. Das merkt man. Hier hat er Tag für Tag gearbeitet, an den steilen Hängen, reine Handarbeit. Immer am Weinstock, eng im Kontakt mit der Natur, mit der Pflanze, dem Wetter, der Sonne. Ich komme außer Atem, bis ich am Pavillon am höchsten Punkt des Römerbergs ankomme. Der Blick über die Weinberge zur Burgruine Badenweiler ist herrlich. Es ist September, der Herbst zieht ein, die Blätter verfärben sich. Weinberge sind für mich faszinierend. Ich mag diese Landschaft. Besonders im milden Herbstlicht, wenn die gelben Blätter im Gegenlicht leuchten.

Auf der Himmelswiese erzählt Hans-Werner Ottlin: „Die Vielfallt dieser Landschaft zeigt sich hier wie nirgendwo sonst. Über dem Auwald der Rheinebene sind die Berge der Vogesen, Petit Ballon, Grand Ballon im französischen Elsass. Wenn ich um sechs Uhr morgens im Weinberg stehe und die Morgensonne die Vogesen beleuchtet, bin ich glücklich.“ Das sind Momente, die der Winzer erst schätzen kann, seit er im Ruhestand ist. Vorher war keine Zeit für romantische Gefühle während der arbeitsintensiven Zeit im Weinberg.

Die Winzer pokern

Teilweise haben die Winzer mit der Lese begonnen. Doch sie „pokern“. Nach diesem Sommer gönnen sie den Trauben noch einige Tage Sonne. Jeder Tag Wärme schenkt ein Grad Oechsle und damit mehr Zuckergehalt. Doch der optimale Zeitpunkt für die Lese kann schnell vorbei sein. Praktisch über Nacht können die Trauben zu faulen beginnen. Wenn die gefürchtete asiatische Fruchtfliege die Früchte infiziert, sind Ernte und Qualität gefährdet. Den besten Zeitpunkt für die Lese zu bestimmen, erfordert ein großes Maß an Erfahrung und Fingerspitzengefühl.

Vom Römerberg wandern wir Richtung Britzingen. Der Pfad führt erst durch Streuobstwiesen, dann wieder durch Rebanlagen. Wir kommen durch den Weiler Muggardt und erfreuen uns an den schönen Bauerngärten. Schwitzend wandere ich auf dem „Busenberg“ bis hin zum Unterstand Homberg-Hütte. Weingläser mit eingeschenktem Gutedel funkeln in der Sonne und begrüßen uns Wanderer.

Eremit Gutedel

„Gutedel ist das Produkt der Region, unverkennbar und charakteristisch. Er bringt Aromen zustande wie kein anderer Wein. Gutedel ist ein Eremit. Still. Von Güte strahlend. In ganz guten Jahren hat er einen feinen Nuss- oder Himbeerton. Er ist ein Schoppenwein. Ein stiller Begleiter oder Durstlöscher zum Vesper. Er ist ein guter Tafelwein. Am besten ist er haltbar, wenn er „super-knochen-trocken ausgebaut ist.“ So beschreibt mir Hans-Werner Ottlin mit knappen Worten die Sorte Gutedel.

G-e-n-i-a-l, das wird jetzt mein Haustropfen“, meinte der Markgraf von Karlsruhe, als ihm der Mundschenk ein Glas Gutedel servierte. Diese Rebsorte wurde erstmals 1784 auf dem Markgräfler Rebstück an einer Steillage am Castellberg angebaut. Eine gelb-rote Markierung zwischen den Weinstöcken erinnert heute daran.

Schon die Pharaonen tranken Gutedel. Dies beweisen Blattreliefs, die in ägyptischen Tempelanlagen zu sehen sind. Gutedel kam über den Mittelmeerraum nach Spanien und Frankreich, über die Rhone bald in das Markgräfler Land. Hier hat er seine Heimat und sein Hauptanbaugebiet gefunden. Gutedel ist eine Delikatesse, die gut zu leichten Speisen, Fisch oder Spargel passt.

Vielfalt am Wiiwegli

Am zweiten Tag starten wir in der ehemaligen Bergbaustadt Sulzburg und besichtigen im Vorbeigehen die evangelische Pfarrkirche. Die Kirche St. Cyriak ist über 1000 Jahre alt und zählt zu den ältesten Kirchenbauten in Deutschland.

Der Wegweiser des Wiiwegli zeigt auf einen steilen, schmalen Pfad. Mit herrlichen Aussichten führt der Wanderweg durch Dörfer, über Weinterrassen und durch Waldpassagen. Wir gehen entlang der Verwerfungslinie eines geologischen Grabenbruchs. Offene Hangkannten geben Einblick in die Entstehungsgeschichte der Landschaft. Hier waren Korallenriffe. Wir schließen die Augen: „Stellt euch Meeresrauschen und Brandung vor“, animiert uns Herr Dr. Koch, unser Begleiter für diesen Wegabschnitt. „Diese runden Steine wurden von der Küstenbrandung hin und her gerollt und dabei rund geschliffen. Die obersten Kalk-Kreidefelsen schauten damals aus dem Meer heraus. Später, als das Wasser verschwand, hat sich eine feste Decke aus Konglomerat gebildet. Die festen Konglomerate schützten die darunterliegenden Kalk- und Kreideschichten vor Abtragung.“

Castellberg

Eine der besten Weinlagen im Markgräfler Land befindet sich am Castellberg. Die historische Rebanlage mit Steintreppen und Trockenmauern wurde aufwändig restauriert. 500 Stufen führen steil aufwärts durch die Rebanlage. Am Tag speichern die Trockenmauern Sonnenwärme, die sie nachts langsam an die Umgebung und die Weinstöcke abgeben. Zwischen diesen warmen Trockenmauern ist Lebensraum für die Smaragdeidechse und die Gottesanbeterin.

Wilder Wein

Der wilde Weinstock ( Vitis vinifera) ist eine europäische Pflanze, die ursprünglich in Flussauen beheimatet war. In den Rheinauen bei Ketsch gibt es noch autochthone Weinreben. Die Wurzeln des Weinstocks reichen bis zu zwölf Meter in die Tiefe. Die Triebe wachsen wie Lianen jährlich bis zu sechs Meter in die Baumkronen. Dort bilden sich die Trauben am äußersten Ende auf einjährigem Holz. Die Pflanze ist bei Hochwasser durch ihr tiefgehendes Wurzelwerk im Auwald gut verankert, die Früchte hoch oben bleiben geschützt.

Am Weinstock

Der Winzer ist täglich unterwegs, um die enorme Wuchskraft der Kulturreben unter Kontrolle zu halten. Schnitt- und Pflegemaßnahmen sorgen dafür, dass die Früchte genug Assimilate und Licht bekommen. Triebe müssen zurückgeschnitten werden, Blüten, Blätter und Früchte werden während der Vegetationsperiode teilweise entfernt. Der Weinstock braucht Licht, Luft und Wärme, damit die Trauben reifen.

Weinsorten

Angebaut wird überwiegend Gutedel, der auf Mineralboden bestens wächst. Außerdem die Burgunderfamilie mit dem blauen Spätburgunder, Ruländer, Grauburgunder, der auch als Pinot Grigio bekannt ist, sowie Weißburgunder, Sylvaner und Müller-Thurgau. Neu im Anbau sind französische Traubensorten wie Sauvignon Blanc, Cabernet Sauvignon, Chardonnay und Regent. Diese Rebsorten gedeihen gut und gewinnen an Bedeutung. Vereinzelt wird Gewürztraminer angebaut. Diese Sorte stellt hohe Anforderung an den Winzer. Der Ertrag ist gering, die Rebe empfindlich.

Es gibt Anbauversuche mit mediterranen Rebsorten. Dadurch hoffen die Züchter neue Weinreben zu finden, die auch in 30 – 50 Jahren, wenn die Klimaerwärmung fortschreitet, guten Ertrag liefern. Daneben werden alte Rebsorten, wie Albener oder Älpling wieder interessant. Junge Menschen lieben die leichten Sommerweine.

Weingut Köpfer

Auf Feldwegen wandern wir zum Winzerdorf Grunern. Gerade noch vor dem Regenschauer erreichen wir das Weingut Köpfer. Hier erwartet uns Gerd Köpfer, Senior des Weingutes, und führt uns durch sein privates Weinmuseum. Mit Freude und Stolz schildert er, dass das Bonner Präsidialamt zu seinen Kunden zählte. Kanzler und Außenminister wählten bei Auslandsreisen „Altenberger Gutedel“ als Gastgeschenk. Kanzler Schröder nahm ihn mit auf Südamerikareise. Bundespräsident Richard von Weizsäcker ließ bei einem Diner in London Köpfer-Weine ausschenken. Reaktion der Queen :„a very good wine“.

Sinnliche Weinverkostung

Mit leicht kreisender Bewegung schwenkt Sohn Gabriel das halbvolle Weinglas. Vor seinem Auge begutachtet er im Gegenlicht die „Kirchenfensterschlieren“, wie sie der Weinkenner an der Innenseite des Glases erkennt. Dann heißt es, Augen zu. Die Nase kommt zum Zug und taucht ein, schnuppert in das halbvolle Weinglas. Aromen und Düfte strömen. Der junge Winzer versucht sie poetisch und fantasiereich in Worte zu fassen. „Dieser Altenberger Gutedel hat leichte, florale Noten, weiße Blüten, etwas Nussiges, dazu kommt ein milder, leichter Schmelz.“ Er nimmt noch einen Schluck und lässt die Flüssigkeit sehr langsam im Gaumen zirkulieren. „Er schmeckt sehr rund und ist leicht bekömmlich. Zum Wohl!“

Senior Gerd ergänzt: Gutedel ist ein leichter Wein, da kann man auch ein Gläschen mehr trinken. „Altenberger Gutedel in Maßen genossen, schadet auch in größeren Mengen nicht.“

Nun stellt uns Sohn Gabriel noch einen 2011er Kirchhofener Höllhagen, Spätburgunder Rotwein trocken, vor. „Wenn man diesen Wein nach zehn Jahren trinkt, ist er am Höhepunkt angekommen. Er hat ein erdiges Aroma, ein schönes Reifepotential, schmeckt nach grünen Pfeffernoten, hat sehr feine Tannine, eine schöne Struktur, die Säure wunderbar, fruchtig, duftet nach Wald, etwas Würziges ist dabei, ein bisschen Vanille, etwas Rauch finden wir auch. Zum Wohl.“ Zum Abschied schenkt uns Gerd Köpfer eine Flasche diesen Spätburgunders und sagt verschmitzt: „Kommt 2021 wieder bei mir vorbei, dann probieren wir diesen Wein nochmal.“

Preisgekrönter Biowein

Das Weingut Köpfer hat Weinbautradition seit 1786. Seit 1978 werden Bioweine produziert. Viele internationale Preise und Medaillen gab es dafür. Gabriel Köpfer erklärt uns, wie er auf seine Weise den Wein mit biologischen Mitteln anbaut. Ich höre aufmerksam zu. „Die Bodenbearbeitung spielt eine große Rolle. Die Bodenstruktur, die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit ist wichtig. Der Boden ist Lebensgrundlage und wird als lebendiger Organismus verstanden, den man nicht schädigen darf. Das bedeutet mehr Aufwand und Handarbeit zwischen den Rebstöcken. Dazu werden stickstoffbildende Pflanzen gesät. Sie können Luftstickstoff umwandeln und mittels Knöllchenbakterien im Wurzelbereich ablagern. Kräuter und Pflanzen werden als Futterpflanzen für Nützlinge unter die Reben gesät. Nützlinge sollen Traubenwickler, Milben und andere Schädlinge in Schach halten. Es dürfen keine chemisch synthetischen Mittel verwendet werden. Herbizide, Insektizide, und Pestizide werden nicht eingesetzt. Zur Verwendung kommen nur Pflanzenschutzmittel, die natürlichen Ursprungs sind.“

Entlang des Flusses Neumagen wandern wir die letzten Meter zum historischen Marktlatz nach Staufen. Durch Staufen machen wir eine sehr interessante Stadtrunde mit Herrn Walter Mayer und anschließen eine Weinprobe im Weingut Landmann. Hier endet unsere Schnuppertour übers Wiiwegli.

In der Rheinebene zwischen Kaiserstuhl und Schwarzwald ist eine vom Klima begünstigte, fruchtbare Gegend. Es wachsen Tabakpflanzen, auf den Felder liegen im Herbst orangerote, frisch geerntete Hokaido-Kürbissse, im Frühling blühen Aprikosen- und Kirschbäume. Ich überlege: Ist der Frühling zur Blütezeit die schönste Zeit oder der Herbst zur Zeit der Weinlese?

Ich liebe traditionelle Kulturlandschaften. Ich durfte einen ganz besonderen Wein kennenlernen: Gutedel. Ich genieße regionale Produkte. Und nicht zuletzt lerne ich Menschen kennen, die zufällig des Weges kommen oder im Feld arbeiten. Dabei hilft mir die Kamera, meine Scheu abzulegen. Das macht für mich eine Wanderung interessant. Am Römerberg begegne ich Thomas und Beate. Beide kommen seit Jahren zum „Herbsten“ ins Weingut Schneider. Sie helfen mit bei der Weinlese. Für die beiden ist diese Arbeit Urlaub und Entspannung zugleich.

Das Wiiwegli ist gut ausgeschildert und mit Infotafeln ausgestattet. Doch der Gast braucht sich nicht starr daran halten. Es gibt ebenso geteerte landwirtschaftlich Wege die parallel durch diese Weinlandschaft ziehen. Geeignet für Familien mit Kinderwagen oder für Radfahrer. Angelegt sind entlang des Wiiwegli kleinere, regional orientierte Themenpfade, die in kurzer Zeit zu erwandern sind. Am besten erleben Sie das Wiiwegli mit einem Naturführer. Es gibt angebotene Gruppenwanderungen, oder Sie lassen sich eine Tour individuell zusammenstellen. Je nach Wunsch und Laune. Mal mehr mit kulinarischem Schwerpunkt, mit Weinproben dazwischen, kulturell oder mit sportlichem Aspekt. Für jedes Interesse kann eine Wanderung auf dem Wiiwegli moduliert werden.

Ich war begeistert vom Markgräfler Land, das im äußersten Westen von Baden-Württemberg liegt. Als kulinarische Erinnerung ließ ich eine Kiste Gutedelwein nach Hause schicken.

Blick in die Markgräfler Seele. Gedicht in alemannischer Sprache. Vorgetragen von Hans-Werner Ottlin, im Pavillon auf der Himmelswiese. Hans-Werner Ottlin ist Winzer und Gästeführer in Müllheim.

St. Cyriakus Kirche in Sulzburg
Wiiewegli, Weinlese im Markgräfler Land

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Vielen Dank für die gute Organisation an Baden-Württemberg Tourismus

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