Bergwald im Unterengadin

Unterengadin: Goldener Herbst im Arvenwald God da Tamangur

Einst hämmerten Bergknappen im S-charltal. Heute prägt Almwirtschaft die Region und Wanderer schätzen das charmante Tal.

In God da Tamangur breitet sich an der Ostflanke des Tales der höchstgelegene Arvenwald Europas aus. Bis auf 2500 Meter wachsen knorrige Zirbelkiefern (Pinus cembra), manche davon sind über 700 Jahre alt. Der Unterengadiner Poet Pieder Lansel erklärte 1923 God da Tamangur zum Symbol für rätoromanische Beharrlichkeit. Es grenzt an ein Wunder, dass es diesen uralten Zirbenwald noch gibt. Ein Talkessel, sanft ansteigende Hänge, dazwischen einige Steilstufen: Die Alp Astra wäre ein ideales Skigelände. Über 2100 Meer ist Schneesicherheit garantiert. Doch Gott sei Dank wurde nie darüber nachgedacht, diese Alp für den Massentourismus zu erschließen.

Bergknappen schürften nach Erz

Bis ins 19. Jahrhundert dienten die Wälder um S-charl als Rohstoff für die Erzverhüttung. Der Berg birgt im Inneren die wertvollen Schätze Silber und Blei. Zentimeter für Zentimeter trieben Bergknappen per Hand Stollen in den Fels, um das Erz ans Tageslicht zu befördern.

Später, als mit Sprengstoff ein Rationalisierungsschub begann, waren die Erzadern fast verzehrt. Die Schürfrechte lagen bei den Österreichern. Dies führte zu ständigen Konflikten, die 1652 ein Ende fanden. Zuvor hatten sich die Gegner im Laufe des 30-jährigen Krieges blutige Kämpfe geliefert und dabei das Unterengadin verwüstet. Als später die Einwohner im S-charltal selbst bestimmen konnten, waren die Minen nicht mehr rentabel zu betreiben.

Guarda
Guarda

Vom Bergbau zu Almwirtschaft und Tourismus

Anfang des 19. Jahrhunderts investierte der Davoser Johannes Hitz viel Geld in die Infrastruktur. Trotz Sprengstoff musste Hitz 1828 Konkurs im Bergbau anmelden. Für die alten Lärchen- und Arvenwälder war dies ein Segen, denn so blieben sie bis heute erhalten. Im restaurierten Verwaltungsgebäude befindet sich ein Museum, das die Geschichte des Bergbaus im S-charltal zeigt.

Gerne hätten die Planer des ersten Schweizer Nationalparks die Alp Astra als Herzstück integriert. Die Scuoler Bevölkerung wollte die besten Almen des S-charltales jedoch nicht an den Nationalpark abtreten. Später wurde das Val Minger, das wegen des hohen Wildbestandes bei Tierfreunden beliebt ist, in den Schweizer Nationalpark eingebunden.

Auf Alp Astra weiden im Sommer über 200 Stück Rindvieh aus dem Schweizer Mittelland. Einheimisches Vieh gibt es im S-charltal seit Jahrzehnten nicht mehr. Mit dem Niedergang des Bergbaus war im S-charltal nur noch die Landwirtschaft als Erwerbsquelle übrig geblieben.

Hartes Leben Leben im Winter

Das S-charltal war im Winter monatelang abgeschnitten. Die letzten dauerhaften Bewohner zogen 1920 weg. Mit Sack und Pack gingen sie nach Scuol und kehrten nur für die Sommermonate zurück.

Naturparadies und charmantes Seitental

Das Unterengadiner Seitental wurde in den 1960er-Jahren zum Naturparadies verklärt. Zunächst waren es wenige, die den mühsamen Aufstieg auf sich nahmen. Seit 1969 fährt das Postauto regelmässig von Scuol nach S-charl. Bis heute blieb der ursprüngliche Charme des Tales erhalten. Der Geheimtipp für Genießer ist eine Trumpfkarte, die nicht mehr viele Orte in den Alpen haben. Am Konzept eines nachhaltig orientierten Tourismus rüttelt niemand.

Für Romantiker stehen im Sommer und im Winter Pferdekutschen und Pferdesschlitten bereit. Im Sommer ist das Tal Ausflugsziel für Mountainbiker, Wanderer und Reiter. Im Winter kommen Skitourengeher und Schneeschuhgänger auf ihre Kosten. Im September beginnt die Jagd. Rothirsche, die es wagen, aus dem Nationalpark zu kommen, sind für Jäger eine leichte Beute. Dem Nationalpark kommt das gelegen, denn zu viel Rotwild gefährdet die Naturverjüngung des Bergwaldes.

Gasthaus Major in S-charl
Gasthaus Major in S-charl

 

Eisenhaltige Quelle in Bad Scuol im Unterengadin.
Eisenhaltige Quelle in Bad Scuol im Unterengadin.

Meine Tipps:

Übernachtung im renovierten Gasthaus Major in S-charl. Das Gasthaus Major ist idealer Standort für Skitourengeher oder Schneeschuhwanderer. Das Haus ist auch im Winter von 21. Dezember 2016 bis 17. April 2017 geöffnet.

Im Winter ist das S-charltal autofrei. Die ersten 4 Kilometer können Sie mit dem Auto oder mit dem Taxi zurücklegen, bis Sie zu einem kostenfreien Parkplatz gelangen. Dann  geht es weiter mit dem Pferdeschlitten. (Schlittenfahrt buchen  unter: +41 (0) 81 864 14 12.) Nach einer Wanderung können Sie in der 400 Jahre alten Zirbenstube gemütlich speisen. Das ganze Jahr über gibt es regionale Wildspezialitäten.

Wandern auf dem Bärenerlebnisweg in S-charl

100 Jahre, nachdem der letzte Bär der Schweiz bei S-charl erlegt wurde, wanderte 2005 das Bärenmännchen JJ2 alias Lumpaz aus dem Trentino in die Region des Schweizer Nationalparks ein. Dies gab für den Schweizer WWF den Anstoß, die Bärenplattform Ursinn, www.ursina.org und den Bärenerlebnisweg zu gründen. Besonders Familien mit Kindern haben Freude am Bärenerlebnisweg in S-charl. Neben Informationen über Braunbären werden praktische Tipps gegeben, wie man sich als Wanderer in einem Bärengebiet verhalten soll.

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Dieser Gastartikel stammt von Journalist Urs Fitze. Als Autor schreibt er ua. für das Alpenmagazin. Das Alpenmagazin beschreibt den Kultur- und Naturraum der Alpen wie sie sind. Mal Paradies und mal Naturkatastrophe, viele Facetten werden mit Reportagen und Hintergrundberichten gezeigt.

  1. Der Herbst ist eine wunderschöne Jahreszeit, und Deine Fotos zeigen das noch einmal so schön. Tolle Aufnahmen, Andreas.

    • Danke für den Kommentar. Der Herbst in den Alpen ist besonders. Das schräg einfallende Streiflicht lässt die bunt gefärbten Blätter aufleuchten. Die Hitze lässt nach und auf Wanderungen sind weniger Menschen unterwegs. Besonders schön ist der Herbst im Schweizer Engadin.

  2. Diese Herbstfarben sind einfach ein Traum! Und die Fotocollagen gefallen mir auch sehr gut!

    • Danke Sabine für Deinen Kommentar. Die Fahrt in das Unterengadin, um Scuol, Guarda und S-charl, war ein Erlebnis. Mir gefällt der Herbst. Wenn die Landschaft in mildes Herbstlich getaucht wird, sieht es am schönsten aus. Stille kehrt im Schweizer Nationalpark ein und oftmals können sogar Wildtiere beobachtet werden.

  3. Die „goldenen“ Lärchen sind ein Traum. Da ich es in diesem Herbst wieder nicht schaffe, ins Engadin zu reisen, kann ich es dank deiner Bilder wenigstens in Gedanken tun. Sehr stimmungsvolle Fotos.

    • Hallo Antje, danke für den Kommentar. Die Lärchen sind fast jedes Jahr mein Reiseziel. Das herbstliche Streiflicht bringt die Farben zum Leuchten auch ohne Nachbearbeitung. Am schönsten sind die Lärchen im Bergwald des Schweizer Nationalparks.

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