Bayerische Naturjuwelen: Warum ist es an der Günz so schön?

Im Frühling ist die Wiesenlandschaft entlang der Günz eine Augenweide. Das Tal der Günz ist eine Jahrtausende alte, vom Menschen geprägte Kulturlandschaft. Oft fuhr ich  auf der Landstraße durch diesen reizvollen Talabschnitt. Heute halte ich an. Ein Wanderweg zwischen Obergünzburg und Ronsberg führt mich im weiten Bogen um das Östliche Günztal. Auf diesem Rundweg lerne ich meine Heimat besser kennen und erfahre warum diese Region so schön ist.

Margeritenwiese im Günztal
Margeritenwiese im Günztal

 

Grünlandwirtschaft im östlichen Günztal
Grünlandwirtschaft im östlichen Günztal

Mitten durch das liebliche Tal schlängelt sich die Günz

Der schmale Bachlauf ist gesäumt von kleinteiliger Wiesenlandschaft, an deren Rand sich bewaldete Hügel erheben. Im Günztal stehen Einzelhöfe, manchmal sehe ich eine verlassene Mühle oder ein modernes Kleinkraftwerk. Die Günz mit allen verzweigten Seitenbächen sowie mit zuströmenden Wasserläufen gilt als längstes Bachsystem Bayerns. Sie stellt mit ihrem 92 Kilometer langen Lauf eine biologische Brücke vom Alpenvorland bis zur Donau her. Tier- und Pflanzenarten nutzen die Biotope entlang der Günz als Korridor. Die Westliche Günz entspringt bei Untrasried, die Östliche bei Günzach im Ostallgäu. Beide Seitenarme vereinigen sich am Ort Lauben. In umliegenden Hangwäldern finden sich viele Kalktuffquellen. Biotope, Feuchtwiesentäler sowie Flussmäander charakterisieren das liebliche Tal.

Weg zur Teufelsküche

Vom Parkplatz bei der Schlossmühle Liebenthann wandere ich bergauf in Richtung »Teufelsküche«. Diese geologische Sehenswürdigkeit besteht aus gigantischen Nagelfluhbrocken. Der eiszeitliche Illergletscher hat auf dieser Seitenmoräne Schotterschichten abgelagert. Die oberen Schichten haben sich zu felsigem Konglomeratgestein verdichtet und kamen auf weichem Sediment ins Rutschen. Heute liegen die Felsbrocken verstreut im Wald. Sprießt ein Baumsamen auf einem dieser moosbewachsenen Nagelfluhbrocken, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich bis zum Lebensende daran festzuhalten. Alte Buchen und Fichten klammern ihre verholzten Wurzeln wie Riesenfinger um den Nagelfluhstein.

Die »Teufelsküche« gehört zu den 100 schönsten Geotopen Bayerns. Für Wanderer ist die Felssturzlandschaft ein Highlight am Wegesrand. Für Familien mit Kindern ist dieser sagenhafte Ort ein willkommener Abenteuerspielplatz.

Nach der Teufelsküche führt ein Forstweg durch den Mischwald bis nach Ronsberg. Ich überquere auf einer Brücke die Günz und wandere auf der anderen Talseite zurück.

Erlebnis Kulturlandschaft

Mein Weg führt weiter durch flache Wald- und Wiesenlandschaft. Am Horizont zeigen sich die schneebedeckten Allgäuer Alpen als Blickfang. Unerwartet stehe ich nach einer Wegbiegung vor einer blühenden Margeritenwiese. Für Insekten sowie für Schmetterlinge sind artenreiche Wiesen eine Futterquelle und eine gute Lebensgrundlage.

Die Feuchtwiesen, Sauerwiesen, Mager- und Trockenstandorte an der Günz bieten einen Augenschmaus. Auf feuchten Standorten in Bachnähe gedeihen Trollblumen,  Labkraut, Wiesenbocksbart, Kuckuckslichtnelken, Klappertopf und Wildorchideen.

Lebensraum für seltene Arten

Außerdem gedeihen hier Pflanzen- und Tierarten, die auf der Roten Liste stehen: Die Bachmuschel, Zierliches Wollgras, der Sumpf-Glanzkopf sowie der Frauenschuh, die Helm-Azurjungfer, der Kammmolch und die Gelbbauchunke. Weitere Raritäten sind die Bayerische Quellschnecke und der Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Das Bayerische Löffelkraut (Cochlearia bavarica) ist eine endemische Art, die im Günztal ihr letztes Refugium hat.

Im Liebenthanner Wald

Bevor ich die Schlossmühle erreiche, mache ich einen Abstecher zum Liebenthanner Forst. An der Buchhalde treffe ich zufällig Revierförster Georg Schön. Gern mache ich unterwegs einen Schwatz mit Zufallsbegegnungen. Dies eröffnet mir andere Blickwinkel. Es ist ein sonniger, heißer Tag geworden, Herr Schön hat Angst um seinen Waldbestand. Der Revierförster sucht nach abgestorbenen Bäumen: »Bei Hitze vermehren sich Borkenkäfer explosionsartig. Die vom Borkenkäfer befallenen Stämme müssen schnell gefällt werden, bevor die Larven schlüpfen und flügge werden« .

Ich erfahre, dass im Liebenthanner Wald eine der größten Rotbuchen Bayerns steht. Sie gedeiht in geschützter Hanglage und muss sich nach dem Licht strecken. Dieser zweihundertjährige Baum ist 47 Meter hoch, hat einen Stammumfang von über vier Metern sowie ca. 30 Festmeter Holz. Mehrere hohe Fichten, Ahorne und Eschen stehen gleich daneben. »Hier wird nichts angerührt. Die Riesenbäume stehen unter meinem persönlichem Schutz. Nur wenn Gefahr vom Borkenkäfer droht, muss ich eingreifen«, sagt Schön. Nach unserem kurzen Plausch suche ich im Wald die Reyverdisquelle.

Kalktuffquellen im Hangwald

Im Oberlauf der Günz gibt es reizvolle Kalktuffquellen. Kleine Rinnsale, die über moosbewachsenes Kalktuffgestein plätschern, zeigen mir den Weg zur versteckt gelegenen Reyverdisquelle. Das Quellwasser sprudelt ganzjährig mit gleichbleibender Temperatur von 8-9 Grad Celsius aus dem Boden. Das zieht viele Organismen an. In der Umgebung mischt sich Grundwasser mit oberflächlichem Wasser. Das ist ideal für den bizarr aussehenden Winterschachtelhalm, der im lichten Buchenwald gedeiht.

Kulturlandschaft und Landwirtschaft an der Günz

In früheren Zeiten gab es im Günztal überwiegend Kleinlandwirtschaft mit Weidehaltung. Die natürliche Balance zwischen Artenvielfalt sowie Nutzung der Wiesen blieb erhalten. Auf den Weiden grasten Allgäuer Rinder. Reife Gräser der Streuwiesen lieferten die Einstreu für den Stall. Mit dem Festmist kamen die Pflanzensamen zurück auf die Felder. Dieser Kreislauf gewährleistete für lange Zeit die Erneuerung von Wildblumen und Gräsern sowie die Bodenfruchtbarkeit der Wiesen.

Intensivierung der Landwirtschaft im Günztal

Heute hat sich das grundlegend geändert. Im Günztal ist die rinderreichste Region Deutschlands. Die Hochleistungsrinder bleiben im Laufstall. Landwirtschaftliche Betriebe müssen effizienter und kostendeckender arbeiten, damit sie am Weltmarkt  eine Chance haben, sagen Politiker. Hochleistungsrinder verlangen nach eiweißreichem Futter, um genug Milch geben zu können. Die landwirtschaftlich genutzten Wiesen an der Günz werden heute bis zu fünf mal im Jahr für die Silage gemäht. Die Jauche kommt zurück auf die Felder und belastet die Böden mit Nitraten. Pflanzen und Gräser dieser Felder haben keine Zeit mehr zum Versamen.

Nördlich von Ottobeuren kommt zum Grünland Ackerbau hinzu. Biogasanlagen verlangen nach mehr Maisanbau und Biomasse. Manche Landwirte lassen sich sogar dazu verleiten, ihre Wiesen mit nur einer einzigen nährstoffreicheren Grassorte (Bastard Weidelgras – Lolium multiflorus) zu bestellen. Die zunehmende Verdrängung autochthoner Grassorten führt zwangsläufig zu einer Verarmung der Agrarlandschaft. Der Intensivierungsdruck auf die letzten naturnahen Wiesen am Rande der Günz ist enorm.

Diese Bewirtschaftungsform hinterlässt im Günztal deutliche Spuren. In den umliegenden Feldern der Günz kann man den Unterschied zwischen heutiger Grünlandwirtschaft und renaturierten Feldern beobachten.

Die Stiftung Kulturlandschaft Günztal

Der Initiator der Günztalstiftung, Michael Nett, wollte sich mit dieser Fehlentwicklung nicht abfinden. Sein Engagement für einen achtsamen Umgang mit der Natur führte im Jahre 2000 zur Gründung der Stiftung Kulturlandschaft Günztal. Es konnten ökologisch wertvolle Grundstücke für den Naturschutz gesichert werden. Da das Gebiet keinen offiziellen Schutzstatus hat (nur ein Prozent der Fläche steht unter Naturschutz), ist Flächenankauf oder -tausch die einzige Möglichkeit für Schutzmaßnahmen. Auf den erworbenen Flächen wird der Mähzeitpunkt, die Beweidung durch Vieh und andere Renaturierungsmaßnahmen von Fachleuten der Günztalstiftung gemanagt. Dass es wieder mehr artenreiche Wiesenstandorte gibt, ist der Stiftung KulturLandschaft Günztal zu verdanken.

Gebietsbetreuer Peter Guggenberger zeigt mir renaturierte Flächen. Deutlich ist zu erkennen, wie sie sich nach zehn Jahren der Extensivierung eine Pflanzenvielfalt entwickelt hat. Manche Arten sind zurückgekommen, jedoch nicht alle. »Es kann bis zu 30 Jahre dauern, bis Nitrate ausgewaschen und der Untergrund für die ursprüngliche Pflanzenvielfalt wieder geeignet ist«, erläutert Gebietsbetreuer Peter Guggenberger.

Entlang der Günz soll ein Biotopverbund entstehen, damit ein biologischer Austausch stattfinden kann. Durch die Biotopvernetzung entsteht eine artenreichere Landschaft, die sich selbst erhalten und regenerieren kann. Für diese Aufgabe stellen anliegende Gemeinden und der Staat Förderprogramme zur Verfügung.

Original Allgäuer Braunvieh als Landschaftspfleger

Das Grünland dieser Region ist durch Beweidung von Rindern entstanden. Eine Beweidung durch Vieh ist selektiv und lässt eine Wiese mit unterschiedlicher Struktur entstehen. Durch Huftritt entstehen offene Stellen im Boden, die Kleinstlebensräume für Pflanzenkeimlinge, für Wildbienen und Insekten sind. Dornige Sträucher und Disteln werden nicht abgefressen, sie bieten später Samen für den Distelfink sowie Nektar für Schmetterlinge. Im Fell der Weidetiere bleiben Pflanzensamen hängen, die an andere Stellen der Region transportiert werden. In alten Heustadeln und Holzhütten finden Vögel wie Rotschwanz, Kuckuck und Eule ihre Kinderstube.

Original Allgäuer Braunvieh wird bevorzugt als Landschaftspfleger eingesetzt. Die etwas kleineren, robusten Tiere sind eine multifunktionale, bodenständige Rasse, die hauptsächlich zur Fleischerzeugung dient. Das Original Allgäuer Braunvieh ist genügsam, ihr Körperbau ist stämmig, außerdem sind sie gute Futterverwerter.

In der Region gibt es noch engagierte Nebenerwerbslandwirte, die mit viel Herzblut an der Landschaft und am Original Allgäuer Braunvieh interessiert sind. Diese Rinder werden ausschließlich als Weideochsen gehalten. Sie wachsen langsam und kommen im Alter von zwei bis zweieinhalb Jahren zum Schlachter. Die Metzgerei Bauer in Ronsberg- Zadels bietet von diesen Weideochsen bestes Slowfood Weidebeef an und vertreibt das Produkt in Selbstvermarktung.

Schlossmühle Liebenthann

Meine Wanderung mit Fotostopps und Zufallsbegegnungen hat länger gedauert als geplant. Deswegen kommt mir die Schlossmühle Liebenthann gelegen. Nach einer gemütlichen Einkehr ist es nicht mehr weit zum Parkplatz am Ausgangspunkt.

Fazit

Auf dieser Wanderung konnte ich den Konflikt zwischen Landwirtschaft und Naturschutz erkennen. Frisch gemähte und gedüngte Grasflächen stehen auf engstem Raum neben blütenübersäten Biotopwiesen. In sensiblen Regionen, wie hier an der Günz, sollte die Natur Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen bekommen. Die Biodiversität zu erhalten ist keine nostalgisch angehauchte Romantik, sondern eine Notwendigkeit. Ein Hoffnungsschimmer wäre eine bessere Landwirtschaftspolitik, die Rücksicht darauf nimmt.

Meine Tipps:

  • Am Pfingstmontag findet an der Schlossmühle Liebenthann der alljährliche Mühlentag statt. Die Stiftung Kulturlandschaft Günztal bietet Exkursionen und Informationen rund um das Günztal. Mit regionalen Speisen sorgt die Gastronomie der Schlossmühle Liebenthann für das leibliche Wohl der Gäste.
  • Wanderrunde vom Parkplatz bei der Schlossmühle Liebenthann, dem Wegweiser nachlaufen zur Teufelsküche, weiter auf dem Forstweg nach Ronsberg und auf der anderen Seite der Günz zurück zum Parkplatz. Die Wanderung nutzt überwiegend Forst- und Feldwege, sie ist leicht und dauert 2,5 bis 3 Stunden. Einkehrmöglichkeit in der Schlossmühle Liebenthann.
  • Günztal-Radweg: Mit Bahn und Rad können Sie bequem nach Günzach fahren. Vom Bahnhof führt der Weg zur Quelle. Von hier aus sind es rund 92 km bis nach Günzburg an der Donau. Die eben verlaufende Route bietet abwechslungsreiche Landschaft. Zu besichtigen sind Kirchen und Schlösser entlang der Fahrradroute. Das Besondere der Tour sind naturbelassene Abschnitte entlang der Günz.
  • Südseemuseum: Sie sollten nicht versäumen, das faszinierende Obergünzburger Südseemuseum zu besuchen. Der 1874 geborene Kapitän Karl Nauer stammte aus der Umgebung von Obergünzburg. Der Allgäuer Bauernjunge sollte eigentlich Pfarrer werden, stattdessen wurde er Kapitän. Er brachte im vorigen Jahrhundert Schnitzereien und Figuren aus der Südsee mit. Die Exponate geben Einblick in Rituale sowie Gebräuche fremder Kulturen und Völker.

 



Mein Dank gilt Gebietsbetreuer Peter Guggenberger für die interessante Führung

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