Oberschwaben - Bad Waldsee Fasnet

Baden-Württemberg: Bad Waldsee – Oberschwaben Fasnet

Bad Waldsee in Oberschwaben wird sich in dieser Nacht in einen Hexenkessel verwandeln. Ein paar Hausfrauen in dicken Wintermänteln und mit vollen Einkaufstaschen kreuzen meinen Weg. Straßen und Plätze sind liebevoll mit rot-weiß-grünen Fasnetsfähnchen geschmückt. Noch deutet nichts auf etwas Außergewöhnliches hin. Bald wird der schöne Marktplatz von Bad Waldsee voller Narren sein.

Narrenumzug in Bad Waldsee

Der Narrenumzug beginnt. Wilde Hexen mit kunstvoll geschnitzten Holzmasken kommen mir nahe und ich weiß nicht, ob Mann oder Frau hinter der Maske stecken. Schrättele verknoten meine Schuhbändel, Pelzteufel schauen mir in die Augen, der Faselhannes wimmelt mit seinem Fuchsschwanz in meinem Gesicht herum. Bunte Riesengoggeler, klappernde Störche, störrische Esel begegnen mir. Eine Schar Schorrenweible bieten mir Schnäpsle an, die ich gerne probiere. Zwischen den Narrengruppen laufen Musikkapellen mit. Aus Konfettikanonen fliegen bunte Schnipsel mit lautem Böllerknall über die Köpfe der Zuschauer.

Bei diesem lauten und fröhlichen Spektakel des Narrenumzugs bekomme ich eine Gänsehaut. Der feine Jäger Federle kommt mit einem Sprung auf mich zu. Man sagt, er sei ein eitler Schönling und Frauenverführer. Diese Figur hat im Mittelalter Frauen als Hexen dem Scheiterhaufen ausgeliefert. So dokumentiert das Stadtarchiv von Bad Waldsee die Figur des Federle Hannes. Die alemannische Fasnet in Bad Waldsee ist für mich neu und aufregend.

Oberschwaben, Bad Waldsee -Alemannischer Fasching
Foto © Andreas Riedmilller Eine Figur der Waldseer Fasnet ist der schöne Jägersmann Federle Hannes oder der „Böse vom Waldsee“, hier mit purpurnem Umhang und einer Fasanenfeder am Hut. Der Name Federlin Hannes tauchte öfters in Gerichtsprotokollen bei Hexenprozessen auf, die von 1515 bis 1712 in Bad Waldsee  und Umgebung stattfanden. Der Schönling und Frauenverführer denunzierte Frauen und lieferte sie somit der Hexenverbrennung aus. Im Stadtarchiv ist zu lesen, dass während der Zeit der Hexenverfolgung nachweislich 54 Frauen verbrannt und eine enthauptet wurde.

Oberschwäbische Wirtshauskultur

Nach dem Narrenumzug strömen die Maschkerer in die Gasthäuser. Um den historischen Rathausplatz, der einer der schönsten in Oberschwaben sein soll, gesellen sich mehrere Traditionsgasthäuser. Der Gasthof Löwen, der Ratskeller, der Hirschen, der Gasthof Grüner Baum und die Weinstube Hasen bilden das berüchtigte „Bermudadreieck“. Hier „versumpfen“ in der Fasnetzeit nicht nur Einheimische, sondern auch viele Gäste. Beim Feiern sind Hierarchien des täglichen Lebens nicht mehr wichtig. Wer ist Mann, wer Frau? Wer ist alt oder jung? Seit 28 Jahren kommt EU Kommissar Günther Oettinger regelmäßig nach Bad Waldsee zur Fasnet. Hier kann er unter Freunden feiern. Er ist als „Obernarr“ Ehrenmitglied der Narrenzunft Bad Waldsee.

Von allen Seiten drücken Menschen zur Tür hinein, um singend und schunkelnd mitzumischen. Musiker heizen die Stimmung an. Beate, die Bedienung, steht auf einem Tisch und gibt Getränke nach allen Seiten weiter. Das Motto „Küsse, küsse geschwind bevor die Fasnet verrinnt. Ahaa, ahaa, ahaa und zum Schluss noch einen Kuss – Ahaa, aha steht auf dem sog. Kussorden, den die Zunfträte neben anderen Faschingsorden stolz an ihrer Brust tragen. Wem diese Nähe zu viel wird, kann zur Not durchs Fenster nach draußen flüchten.

Auf den Brauch der schwäbisch-alemannischen Fasnet hat die Narrenzunft Waldsee ein wachsames Auge. „Betrunkene gib es kaum, wir stellen die Belieferung mit Hochprozentigem ein und schicken den Gast nach Hause“ sagt Beate. Alle sind sich einig, dass der fröhliche Fasnetsbrauch nicht unter Vieltrinkern leiden soll. Kinder und Jugendliche bereitet die Schule ab dem Dreikönigstag darauf vor, wie sie die Fasnet ohne Alkoholexzesse feiern können.

Oberschwaben – Narrenumzug in Bad Waldsee

Oberschwaben - Der schöne Jäger Federle
Foto © Andreas Riedmiller Der schöne Jäger Federle
Bad Waldsee Rathausfassade
Foto © Andreas Riedmiller Die gotische Fassade des  Rathauses von Bad Waldsee zählt zu den schönsten in Oberschwaben.
Schrättelehexe beim Narrenumzug in Bad Waldsee.
Foto © Andreas Riedmiller Schrättelehexe beim Narrenumzug in Bad Waldsee.
Oberschwaben Bad Waldsee
Foto © Andreas Riedmiller Der Schrätteletanz findet auf dem Rathausplatz statt.
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Foto © Andreas Riedmiller Die Straßen von Bad Waldsee sind mit Fähnchen geschmückt
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Foto © Andreas Riedmiller Volles Haus im Gasthof zum Grünen Baum
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Foto © Andreas Riedmiller Die traditionellen Masken zieren diese Fassade. Vlnr. der Faselhannes, der  Federle, die Schrättelehexe, das Schorreweible und unten ist Werners Esel.
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Foto © Andreas RiedmillerDie Schrättelemasken sind Unikate geschnitzt aus Lindenholz. Sie zeigen unterschiedliche Charaktere, eine Ansicht ist fröhlich und gutmütig, die andere böse und hässlich. Dies soll symbolisch zwei charakterlichen Seiten des Menschen zeigen. So benimmt sich die Schrättelehexe auch beim Narrenumzug, einmal ist sie nett und freundlich, ein anderes Mal böse und schlecht gelaunt.
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Foto © Andreas RiedmillerMänner setzten den Narrenbaum in Bad Waldsee, diesen Brauch gibt es seit 1936. Der Narrenbaum wird am Morgen des „Gumpigen Donnerstag“ gefällt und mit einem Langholzgefährt von Pferden durch die Straßen zur Hochstadt gefahren. Dabei wird er von Zimmerleuten und Landvermessern begleitet, die immer wieder umständlich messen, ob der Stamm durch die Gassen geht. Dazwischen gibt es Stopps wo eine närrische Begebenheit vorgetragen wird. Der Betroffene bekommt eine abgesägte Baumscheibe um den Hals gehängt.
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Foto © Andreas Riedmiller Harlekine in Bad Waldsee
Bad Waldsee Rathausfassade
Foto © Andreas Riedmiller Der gotische Treppengiebel der Rathausfassade mit einer Altane auf dem Giebel.
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Foto © Andreas Riedmiller Holzmasken im Fasnetmuseum in Bad Waldsee, Schorreweible (l.) und Schrättelemaske (r.).
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Foto © Andreas Riedmiller Vom Wächsehaus werden nach altem Brauch werden auch heute noch Kinder mit Wurst und Semmeln beschenkt.
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Foto © Andreas Riedmiller Ein Zunftrat der Bad Waldseer Narrenzunft e.V. zeigt die beiden Ansichten der Schrättelemaske.

Wie kommen die Narren zu ihrer Maske?

Seit dem 1. Oktober 1935 gibt es die Narrenzunft Bad Waldsee eV. Aus dieser Zeit stammen die ersten handgeschnitzten Masken. Heute zählt die Zunft 2500 Mitglieder mit 2900 Masken. Vom Zunftrat Roland Haag erfahren wir, dass die Narrenzunft Bad Waldsee streng auf alte Traditionen achtet und Rituale unverfälscht weitergibt. Die Nachfrage nach Masken ist groß. Wer als Schrättele, Faselhannes, Schorrenweible und Federle am Umzug mitlaufen darf, bestimmt die Narrenzunft nach der „Häsabnahme“. Die Fasnet ist in den Familien tief verwurzelt und Masken sind knapp. Die Narrenzunft achtet streng auf das Tragen von authentischen Masken. Mitmachen dürfen nur Einheimische und Mitglieder der Narrenzunft Bad Waldsee e.V. Jedes Jahr gibt es 70-80 neue Bewerber, wovon zwölf ausgewählt werden. Jedes Fasnetshäs mit Maske braucht eine Zulassung der Zunft mit Nummer und Symbol vom Maskenschnitzer. Wer keine Maske vererbt bekommt, muss eine beim Maskenschnitzer anfertigen lassen. Die Maske bleibt 10 Jahre im Besitz der Zunft, hernach geht sie in das Eigentum des Bewerbers über. Wenn ein Maskenträger über die Stränge schlägt oder Unfug treibt, muss er seine Maske an die Zunft zurückgeben.

Die überlieferten Rituale des alemannischen Faschings stärken den Zusammenhalt und die Integration in die Gemeinschaft. Ausländische Mitbürger, Kinder und Ältere sind als Mitglieder der Narrenzunft willkommen.

Immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO

Die Schwäbisch alemannische Fasnet ist im Jahre 2014 von der UNESCO zum Immateriellen Weltkulturerbe der Menschheit aufgenommen worden. „Das Wissen um die Ausübung des Brauchtums gehört zum kulturellen Gedächtnis der Region. Charakteristisch ist die Totalvermummung und Maskierung der Teilnehmer, was die Fasnet bis heute prägt. Die Fasnet lebt vom Ideenreichtum und kreativen Potential der regionalen Volkskunst. Die holzgeschnitzten Masken sind von herausragender Qualität und teilweise bis zu 250 Jahre alt…“

Bad Waldsee – nächtlicher Schrättelestanz

Bad Waldseee Gasthaus Hirschen
Foto © Andreas Riedmiller Bad Waldsee Gasthaus Hirschen
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Foto © Andreas Riedmiller Beim Schrättelestanz in Bad Waldsee
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Foto © Andreas Riedmiller Hexen beim mystischen Schrättelestanz.

Tanz um das Feuer

Um Mitternacht tanzt auf dem Rathausplatz eine Schar Schrättele auf langen Besenstielen und mit archaischen Bewegungen um das lodernde Feuer. Sie geben komische Laute von sich, bewegen sich gebückt oder ungelenk am Boden kriechend. Im Feuerschein werfen ihre Körper skurrile Schatten auf die umliegenden Hauswände. Es ist ein mystisch anmutender Reigen der Schrättele von Bad Waldsee, die den Winter und das Böse symbolisieren. Die Narros und die weißgekleideten Faselhannes mischen sich in das Hexentreiben der Schrättele ein und verscheuchen die dunklen Mächte der Finsternis. Nach den Klängen des Narrenmarsches um das Feuer tanzend, gewinnen sie letztendlich die Oberhand

Waldseer Fasnetsritual

Am Dreikönigstag ist „Geschellabstauben“. Dies ist der Auftakt. Mit dem Abholen und der Übergabe des Narrenrechts im Rathaus beginnt die närrische Zeit in Bad Waldsee. Es folgt der nächtliche Schrättelestanz vor dem Rathaus. Am Gumpigen Donnerstag beginnt die Nachtwächtergruppe vor dem Wurzacher Tor mit dem Fasnetausrufen. Am Nachmittag folgt der Narrenumzug mit Narrenbaumaufstellen. Bis zum Fasnetsdienstag dauert das Feiern. Zum Schluss findet ein Trauermarsch zum Schlossbach statt um die„verstorbene“ Fasnet, ein liegendes Mäschkerle (Puppe), dem Schlossbach zu übergeben und zu ertränken. Die Fasnet endet Punkt 24 Uhr mit Glockengeläut.

Zuschauer des Narrenumzugs stehen im Konfettiregen.
Foto © Andreas Riedmiller Zuschauer des Narrenumzugs stehen im Konfettiregen.

 

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Foto © Andreas Riedmiller Zum Equipment der Schrättele gehören die wertvolle Holzmaske, ein rotes Kopftuch mit schwarzem Umhang, ein grüner Rock, eine ockerfarbene Jacke, Schuhe aus Stroh und ein Hexenbesen mit Birkenreisig.
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Foto © Andreas Riedmiller Schrättelehexen reiten auf dem Besen beim Narrenumzug durch die Gassen von Bad Waldsee.
Das gutmütige Schorreweible kommt aus dem Wald verteilt am Umzug Kräuterschnaps und Liebstropfen.
Foto © Andreas Riedmiller Die braven Schorreweible sind die guten Waldgeister. Sie verteilen Kräuterschnaps und Liebestropfen.
Beim Narrenumzug Bad Waldsee.
Foto © Andreas Riedmiller Auffallend und sehr schön sind die Masken von Gockel und Storch beim Bad Waldseer Narrenumzug.
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Foto © Andreas Riedmiller Jede Schrättelemaske ist individuell gestaltet und sehr wertvoll. Jeder Maskenträger vererbt sie in seiner Familie weiter.
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Foto © Andreas Riedmiller Harlekin in Bad Waldsee
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Foto © Andreas Riedmiller Musiker kommen zum Narrenumzug in Bad Waldsee
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Foto © Andreas Riedmiller Narrenumzug in Bad Waldsee.
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Foto © Andreas Riedmiller Schrättele in Bad Waldsee.
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Foto © Andreas Riedmiller Schorreweible in Bad Waldsee.
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Foto © Andreas RiedmillerDie Gruppe „Werners Esel“ besteht aus einem störrischen Esel und seinen zwei Eseltreibern. Die drei gab es früher wirklich, sie sorgten immer wieder für Spaß und Ärger.
Bad-Waldsee in Oberschwaben
Foto © Andreas Riedmiller Aha, Aha….

 

 

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Foto © Andreas Riedmiller Ahaa, Ahaa, – Narrenumzug in Bad Waldsee.
Narrenumzug in Bad Waldsee.
Foto © Andreas Riedmiller Schon kleine Bad Waldseer dürfen mit zum Narrenumzug.
Der Faselhannes vertreibt das Böse.
Foto © Andreas RiedmillerDer Faselhannes hat seinen Namen von „faseln“, das meint närrisch mit den Leuten reden. Er springt im Takt des Narrenmarsches im Umzug mit. In seinem Buch stehen Geschichten von Leuten, denen übers Jahr was lustiges passiert ist und die er dann im Umzug sucht. Sein Gewand ist mit Ranken und Blumen üppig bestickt oder bemalt. An jeder Seite der Maske trägt er einen Fuchsschwanz.
Der Faselhannes hat seinen Namen von
Foto © Andreas Riedmiller Ein netter Faselhannes lächelt dir zu. In seinem Buch stehen Geschichten von Leuten, denen übers Jahr was lustiges passiert ist und die er dann im Umzug sucht. Sein Gewand ist mit Ranken und Blumen üppig bestickt oder bemalt. An jeder Seite der Maske trägt er einen Fuchsschwanz.

Meine Tipps:

Schwäbische Spezialitäten probieren:

  • Mauldäschle, Sauschwänze, Linsen mit Wienerle und Speck, Kutteln und Kartoffel, Kässpätzle, Nonnenfürzle…

Bad Waldsee

Bad Waldsee ist nicht nur eine Hochburg der schwäbisch-alemannischen Fasnet, sondern auch ein bekannter Kurort für Moor- und Kneippkuren. Bei Schönwetter begleitet Bürgermeister Roland Weinschenk seine Gäste auf die Altane überm Treppengiebel des historischen Rathauses. Von hier oben schaut man über Bad Waldsee und die umliegende Landschaft. Zwischen den ziegelroten Dächern funkeln zwei Moorseen herauf, die nah am Stadtrand liegen. Wie im Breitwandkino ist dahinter die hügelige Wald- und Wiesenlandschaft Oberschwabens zu sehen. Bei Föhn reicht der Panoramablick bis zu den Schweizer Alpen, die hinterm Bodensee mit dem Säntis steil aufragen. Traumhaft.

 

> Bad Waldsee


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Vielen Dank für die Einladung und die gute Organisation von Oberschwaben– und  Baden-Württemberg Tourismus.

  1. Interessant! Ich war im 2015 bei einem Künstler, Maskenschnitzer und aus dem Gespräch habe verstanden, dass die Fastnacht eher nicht für Außenseiter ist.

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