Kreuzthal - Haus Tanne

Allgäu: Haus Tanne in Eisenbach im Kreuzthal

Die Farben für die Renovierung waren gekauft. Doch hinter der abgerissenen Holzverkleidung im Festsaal kam überraschend ein riesiges Panoramagemälde zum Vorschein. Dieses Kunstwerk änderte den Renovierungsplan. Die Farben wurden nicht mehr gebraucht, erzählt Franz Renner. An einem verregneten Oktobersonntag fahre ich in die Adelegg, die waldreiche Hügellandschaft zwischen Kempten, Isny und Leutkirch. Eine abgelegene Gegend. Die Einheimischen sagen:

„Hier ist acht Monate im Jahr Winter und vier Monate ist es kalt“. Franz Brenner hat mich nach Eisenbach ins Gasthaus Tanne eingeladen. Das kleine Dorf liegt am Zusammenfluss von Eisenbach und Eschach. Genau durch die Ortsmitte verläuft die Grenzlinie zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Schneeflocken wirbeln vor den dunklen Fichten des Kürnacher und Buchenberger Waldes. Kein Mensch ist unterwegs in Eisenbach an diesem letzten Oktobersonntag. Hinter den verschneiten Hausdächern ragt ein schiefer Kirchturm in die Höhe. Entlang des Baches stehen alte Häuser. Ich sehe keine Bauernhöfe wie sonst überall im Allgäu.

Haus Tanne 

Ein großes Herrenhaus mit eigenartigem Giebel und einem Türmchen darauf  zieht meine Aufmerksamkeit an. Das Haus Tanne hat viel zu erzählen. Franz Renner nimmt mich mit auf eine Zeitreise in die Vergangenheit des Tales und zu den Glasmachern, die es im Allgäu gab. Er erzählt kenntnisreich mit Geschichten und Anekdoten vom ereignisreichen Leben in diesem Haus.

Von der Hitze am Glutofen durstig und von der Arbeit hungrig, kehrten die Glasmacher von Eisenbach hier im Gasthaus ein. Auch wir besuchen später die gemütliche Wirtsstube. Doch zunächst gehe ich mit Franz Brenner über den breiten Flur und die Treppe hoch in den oberen Stock. Er zeigt mir die „belle Etage“ des Hauses. War es eine Sommerresidenz, ein Jagdschloss? Ein Lustschloss oder repräsentative Räume für den Empfang von Geschäftspartnern? Man weiß es nicht, wir lassen unserer Phantasie freien Lauf.

„Lieben Gästen gebt vom Besten“

dieser Spruch steht auf dem berühmten Wandgemälde. Fanden im Festsaal Familienfeiern statt? Der Künstler malte die Landschaft mit dem Gebäudeensemble dokumentarisch. Genau, wie es um 1830 ausgesehen hat. Zu dieser Zeit war es üblich, schwärmerische Phantasiegemälde von Landschaften zu zeigen. Dieses Wandgemälde ist anders. Der Auftraggeber wollte ein reales Bild seines Besitztums, für sich und für die Nachwelt. Der Maler wurde nicht als Künstler, sondern als Handwerker beauftragt. Experten des Denkmalschutzamtes haben das Wandgemälde untersucht. Heute wird es als gelungenes Kunstwerk hochgeschätzt und bewundert. Diese Art von Gemälde mit realistischer Landschaftsdarstellung gibt es noch einmal in Baden-Württemberg. Anfang 2001 wurde Haus Tanne als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung in das Denkmalbuch eingetragen.

Glashüttendorf

Für Glashüttenwirtschaft war die Standortbedingung im Kreuzthal ideal. In den Bächen gab es Quarzsteine, es gab Kalkstein und Holz in den umliegenden Wäldern. Mit Holz wurde Pottasche hergestellt. Pottasche brauchte man, um die Glutofentemperatur von 1700 auf 1300 Grad herunter zu bringen. Nur bei dieser Temperatur konnte man Quarzstein richtig schmelzen und zu Glas formen. Es gab bis zu 13 Glashütten in dieser Gegend. Um 1893 musste der Glashüttenbetrieb eingestellt werden, denn mit der neu erbauten Eisenbahn konnten Produkte aller Art billig transportiert werden. Ein Strukturwandel wär nötig.

Die ersten Sommerfrischler werden beworben.

Das Haus Tanne verlor seine Funktion für die Glasmacherei.  1890 wurde es zu einer Pension für „Sommerfrischler“ umgebaut. Die Besitzerfamilie Dick nannte es 1893 offiziell „Gasthof und Pension Tanne“. Frau Daimler war lange Zeit Stammgast in diesem Haus.

Aus dieser Zeit gibt es folgendes Zeitungsinserat:

Luftkurort Eisenbach, württ. Allgäu (826 m.ü.d.M.) Gasthof und Pension zur „Tanne“ Schönster Platz am Fuße des schwarzen Grates, von herrlichen Nadel- und Laubwaldungen umgeben. Staubfrei und windstill.  Reine, ozonreiche Höhenluft. Pension im Hause von 3.80 M. an. Auch sehr zu empfehlen bei Ausflügen von Vereinen usw. Mittg. Des Schw. Albvereins. Große neuerbaute Sommerhalle. Frisch renovierte Wirtschaftslokalitäten. Vorzügl. Bürgerl. Küche. Reine Weine, ff, helles und dunkles Bier aus der Fürstl. Schloßbrauerei Isny. Bäder im Hause. Gelegenheit zum Forellenangeln.


Frau Kahl und Franz Renner vom Haus Tanne in Eisenbach
Foto © Andreas Riedmiller Bettina Kahl und Franz Renner

Das Haus Tanne in wechselvoller Zeit.

In den kommenden Jahrzehnten wechselte ein Besitzer den anderen ab. Jeder hatte andere Pläne. Haus und Nebengebäude haben die Zeit überdauert.

Wiederbelebung des Kreuzthales mit neuen Ideen

Heute sind die Gebäude umfunktioniert und den Bedürfnissen angepasst. Es gibt einen Dorfladen für regional erzeugte Produkte. Nebenan ist die Schauwerkstatt eines Glasbläsers. Die freistehende „Sommerhalle“ wurde hergerichtet. Wie früher finden heute wieder Feste im Garten und in der Sommerhalle statt.

Das Kreuzthal ist eine schöne, leicht hügelige Landschaft zum Wandern. Auf dem 20 Kilometer langen Glasmacherweg kann der Gast die Geschichte des Tals erkunden. Der Pfad führt vorbei an Tobeln und schönen Aussichtspunkten. An den ehemaligen Schauplätzen der Glasmacher befinden sich Infotafeln.

Unterwegs laden nette Landgasthöfe mit schattigen Biergärten zur Einkehr ein. Immer öfter gibt es in den Gasthäusern vorzügliche Regionalprodukte. Das Schild mit der Aufschrift „Landzunge“ ist ein Markenzeichen für regional und umweltfreundlich erzeugte Produkte. Ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der Betriebe, die hier die Kulturlandschaft bewirtschaften.

Tipps für Wanderführungen in die nähere Umgebung:

  • Auf den Spuren der Glasmacher
  • Führungen im Haus Tanne
  • Dorfrunde durch Eisenbach: „Kreuzthal Jammertal!“
  • Dorfspaziergang: „Ein schiefer Kirchturm und kein Bauernhof!“
  • Museumsbesuch in Schmidsfelden: „Dem Glasbläser über die Schulter schauen“
  • Kräuterwanderung: „Frühjahrskur aus der Natur“
  • Kräuterwanderung: „Die Teestube vor der Haustür“
  • Naturkundliche Wanderungen
  • Mit der Wünschelrute auf dem Wasserschmeckerweg

> Haus Tanne
> Weitere Informationen über das Kreuzthal


Glasballon
Glasballon im Haus Tanne

  1. MAYR-HERGENRÖTHER

    Man bekommt Lust aufs Kreuzthal und auf die „Tanne“,
    gelungener Beitrag und perfekte Bilder.

  2. Du musst dich gedulden Elisabeth. Die „Tanne“ hat erst wieder im April auf. Ein Frühlingsausflug ins Sommerhaus wird dir gefallen. Franz Renner macht Führungen durch das geschichtsträchtige Haus Tanne und das Glasmacherdorf Eisenbach. Das kann ich dir empfehlen.

    Andreas

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